Die Bibel als Buch für Leser – Adam Green hat sein Großprojekt »Bibliotheca« abgeschlossen

Vor zweieinhalb Jahren bestellt und … tadaa, schon geliefert! – Ich halte endlich Bibliotheca in meinen Händen. Das Warten auf diese aussergewöhnliche Bibelausgabe hat sich gelohnt. Geordert am 30. Juli 2014, erhalten am 31. Januar 2017. Hier die vollständige Geschichte hinter diesen Büchern und dem bemerkenswerten Gesamtprojekt.

Für die einen ist es eine Heilige Schrift, für die anderen ein Stück antiker Literatur. »Sie werden lachen, die Bibel!« so hat Bertolt Brecht die Frage nach einem Lieblingsbuch beantwortet. Und Arno Schmidt urteilte: »Die Bibel: iss für mich n unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten« (Seelandschaft mit Pocahontas). Die Bibel steckt voller schöner Erzählungen und Gedichte, nur sie zu lesen ist leider  herausfordernd. Aktuell verfügbare Bibelausgaben sind aus bibliophiler Sicht hässliche Bücher, durchzogen von Ziffern, Fußnoten und Verweisen, gedruckt in Augenpulverschrift auf durchscheinendem Papier. Die traditionelle Anordnung hilft sich zurechtzufinden und einzelen Passagen schnell zu lokalisieren, zu lesen ist das alles andere als angenehm. So mutiert die Bibel zu einem ubiquitären Buch, das doch ungelesenen bleibt.

Adam Lewis Green hat das geändert. Alles begann mit einem Kickstarter Crowdfunding und diesem Video, in dem Greene die Idee, mögliche Gestaltung und Typographie erläutert.

Die Mission des Buchgestalters, Typografen und Designers aus dem kalifornischen Santa Cruz lautete schlicht: »Ich wollte die Bibel als das erfahrbar machen, was sie ist, nicht als sonderbares Textbuch, sondern als eine literarische Anthologie, die wir lesen können wie andere klassiche und kulturstiftende Literatur, die wir erleben, so wie die ursprünglichen Autoren sie mit ihrer Arbeit begriffen haben.«

Greene nahm den Titel der Bibel wörtlich und hob das Unternehmen Bibliotheca aus der Taufe. »Was ich als kleines Nischenprojekt für ein vermeintliches winziges Publikum begann, zog weltweite Aufmerksamkeit von Menschen mit ganz unterschiedlichem Background, Glauben und Muttersprachen auf sich. Wir haben da offensichtlich eine Seite angeschlagen.«

Das ursprüngliche Ziel von $37.000 Dollars erreichte die Crowdfunding Kampgane auf Kickstarter nach gut 27 Stunden. Nur einen Monat später hatten rund 15 Tausend Unterstützer mehr als 1.4 Millionen Dollars zur Verfügung gestellt.

Für Adam Green begann ein zweieinhalb Jahre dauernder Arbeitsprozess, bis er Bibliotheca endlich die Hände der vielen erwartungsvollen Unterzeichnern in aller Welt legen durfte. Auch ich halte mein Exemplar der Erstausgabe endlich in Händen. Erschöpft, am Rand seiner Kräfte, aber überglücklich resümiert Greene hier sehr emotional noch einmal den gesamten Prozess. Gleichzeitig zeigt es, wie aufregend und spannend Herstellungsprozesse für Bücher sind.

Bibliotheca beinhaltet das Alte und das Neue Testament, sowie die Apokryphen. Die Texte sind aufgeteilt in fünf  leinengebundene, fadengeheftete Bände mit Lesezeichen im Schuber.

Die Bibel als schönes Buch, als literarischer Text in klassicher Form. Das ist bemerkenswert, wirft aber auch Probleme auf. Es beginnt damit, dass keine allgemeinverbindliche Übersetzung ins Englische existiert (ins Deutsche auch nicht). Ein Text ohne jede Anmerkung und Erläuterung verleitet eventuell zu Mißverständnissen und Fehldeutungen oder bleibt in vielen Passagen völlig unverständlich. Doch diese Minuspunkte sind zu verkraften, wenn im Gegenzug vielen Menschen, die von traditionellen Bibelausgaben eher eingeschüchtert oder abgestoßen sind, der Zugang erleichtert und ihr Lesen »literarischer« ausgerichtet wird. Ein bibliophiles Schmuckstück und ein Beleg dafür, was Buchgestaltung vermag, ist Bibliotheca allemal. »Dennoch«, fügt Greene lächelnd als Warnung hinzu, »läßt sich das trotzdem nicht lesen wie The Hunger Games!«

Biblotheca kann nach wie vor geordert werden, inzwischen sogar als günstigere Paperbackausgabe. Die Erstauflage ist jedoch vergriffen. Und Adam Greene hat mit dem Vorhaben längst nicht abgeschlossen: er überlegt, Bibliotheca künftig auch in anderen Sprachen herauszubringen. Schön wäre es.