Magisches Feuer – »Der Scheiterhaufen« von Györgi Dragomán

Die Porträts des großen Generals sind abgehängt und vernichtet, nur noch Schatten an der Wand zeugen von seiner einstigen Omnipräsenz. General Ceaușescu und seine Frau wurden hingerichtet, die Revolution war erfolgreich. War sie es wirklich? – Rumänien im Jahre 1989, ein Land ist im Umbruch und auch das Leben der 13-jährige Emma wird dramatisch gewendet, es ändert sich alles. Ihre Großmutter taucht unvermittelt auf auf und holt sie aus dem Internat für Waisenkinder zu sich nach Hause. Von ihrer Großmutter hatte Emma zuvor nie etwas gehört.

In Der Scheiterhaufen packt György Dragomán große Historie in eine kleine Lebensgeschichte. Er erzählt von Emma, die vom Teenager zur erwachsenen Frau wird, und gleichzeitig von einem Land im Umbruch. Der Übergang von der Diktatur zur neuen Ordnung in Rumänien ist, genauso wie das Reifen vom jungen Mädchen zur Frau, verbunden mit Ungewissheit, Ängsten und Hoffnungen. Das Vergangene wird zurückgelassen, neue Herausforderung stellen sich in den Weg. Emma lernt, dass ihr junges Leben und das ihrer Familie untrennbar mit den historisch-politischen Vorgängen in der Übergangsgesellschaft verlinkt ist, alles hängt mit allem zusammen. War der Großvater wirklich ein Spion des alten Regimes, was hat es mit der Landkarte auf sich, die ihr Lauftrainer unbedingt zurückhaben möchte, welches Geheimnis verbirgt sich hinter den leeren Särgen der Freiheitskämpfer und wer waren das Mädchen und der Junge, die die Großmutter einst im Holzschuppen versteckt hat, in einer Zeit als die Oma so alt war, wie Emma jetzt?

Dragoman - Der Schieterhaufen

Emmas Großmutter umweht ein rätselhafter, magischer Hauch. Schon bei der ersten Begenung zaubert sie mit drei schüttelnden Bewegeungen an ihrer umgedrehten Kaffeetasse erst ihr eigenes Porträt, dann das von Emmas Mutter und schließlich Emmas eigeners in den Kaffesatz. Alles im Heim der Großmutter scheint mit übersinnlicher Energie aufgeladen zu sein. Der Dachboden mit all seinem Krempel, der Holzschuppen im Garten, der große Wallnussbaum sind von Geheimnissen umweht. Wenn die Großmutter backt, läßt sie mit schnellen Fingerstrichen Bilder, Symbole und Zeichen im Mehl auf dem Backbrett auftauchen und verschwinden. Emma ist verwirrt und fasziniert. Erinnerungsstücke ihrer Eltern tauchen auf, Kleinigkeiten, wie ein Haarband, eine Zeichnung, und mit ihnen die Gewissheit, dass ihre Eltern einst bei einem tödlichen Autounfall Opfer des Regimes und eliminiert wurden. Doch das große Bild setzt sich niemals vollständig zusammen, es bleiben leere Stellen. Nötige Informationen, sie zu füllen, hätte die Großmutter, doch die schweigt oder zaubert bloß Andeutungen ins Mehl und alle anderen im Ort halten sie für eine Hexe oder für geisteskrank.

Emma durchlebt den Alltag eines ganz gewöhnlichen Teenagers, sie muss sich in der neuen Schule behaupten, wird angefeindet und findet neue Freundinnen, sie zeigt Talent für den Geländelauf und stürzt sich ins Training, eine erste Liebe entbrennt zu Péter, dem Jungen mit dem abgerichteten Falken. In der kleinen Provinzstadt öffnet der erste Supermarkt und überwältigt alle Besucher mit einer nie gesehenen Warenvielfalt, das marode Hüttenwerk wartet auf einen Investor und die Arbeiter mit ihm auf eine Zukunft. Es waren die Hüttenarbeiter, die im Ort die Revolution anführten und auf dem Marktplatz einen Schrein zum Andenken an die Opfer der Diktatur errichteten und vor allem sie ehren die Männer und Frauen, die den Geheimdienst gestürmt und das alte Regime hinweggefegt haben. Doch irgendetwas stimmt nicht, intuitiv spürt Emma, in der Vergangenheit, der nahen und ferneren, liegt etwas begraben, sowohl in der Vergangenheit ihrer Familie, als auch in der Vergangenheit des Städtchens. Über bestimmte Ereignisse wird partout nicht laut gesprochen, sondern nur getuschelt.

Dragomán hat mit Der Scheiterhaufen einen fulminanten rumänischen Wenderoman geschrieben. Er lebt in Ungarn, ist aber in Rumänien geboren. Seine Heimat läßt ihn nicht los. Als Übersetzer von Beckett ins Ungarische ist er bestens vertraut mit allen Kniffen der Literaturmoderne, um Bewußtseinsströme virtuos in Text zu verwandeln. Dragomán fokusiert alles auf die Figur der Emma. Die Erzählung in der Ich-Perspektive entwickelt eine überwätigende, sprachliche Kraft, und steckt voller traumhaftem Bildzauber, mal zart, mal hart. Dabei bleibt der Erzählton selbst lakonisch, beinahe beläufig und minimalistisch. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Dialoge in indirekter Rede verfasst, der Text konzentriert sich ausschließlich auf die Sicht Emmas, auf ihren, bei aller Neugier und Aufgeschlossenheit, doch stets unvollständigen Blick auf die sich rasant wandelnden Aussen- und Innenwelten. Immer wieder verschwimmen Realität und Vorstellung, tauchen Ungereimtheiten auf. Emmas Deutungen der Ereignisse in Vergangenheit und Gegenwart sind durchzogen von einer Flut von Allegorien und märchenhaften Bildern. Weil nichts eindeutig ist, weder die politische Zukunft des Landes noch die Verstrickung der Familie in das umgestürzte Staatssystem, bleibt Emma neben rationaler Analyse nur die Flucht ins Imaginäre. Ihre immer noch kindlich gebliebene Phantasie lädt das, was um sie herum geschieht und das, was sie sich nicht verlässlich erklären kann, mit Zauber und Magie auf. Ihre Welt ist fest im Griff eines magischen Realismus, der feenhaft poetische, aber gleichzeitig auch sehr gespenstige Szenen evoziert.

In einer von ihnen, einer sehr zentralen, tanzen Großmutter und Enkelin im Unterhemd um einen lodernden Scheiterhaufen im nächtlichen Garten. Er soll alles vernichten, was bedrohlich und ungewiss ist. Dabei stampfen die beiden Frauen, die junge und die alte, wie in Trance gemeinsam mit ihren Füßen eine menschliche Gestalt aus dem Lehm, einen kleinen Wächtergolem. Doch was soll, was kann das Feuer überhaupt vernichten? Was ist böse, was gut? Am Ende zerbricht der Mann aus Lehm und Emma lernt, dass jeder seinen eigenen Weg zur Überwindung der Schuld und Schmerzen, seien es die individuellen, seinen es die kollektiven, finden muss.

Großmutter sagt, das Wesentliche hätte ich verstanden, oder ich hätte es immer gewusst. Der Schmerz helfe sich zu erinnern, doch so, dass wir uns nicht nur des Schmerzes entsinnen, sondern aller Dinge, an alles müsse man sich erinnern, denn es gebe nur das, woran wir uns erinnern, doch was wir vergessen, gebe es nicht mehr, es verschwinde aus der Vergangenheit, es verschwinde aus der Welt.

Der Scheiterhaufen von Györgi Dragomán bereitet ein höchst suggestives und intensives Leseerlebnis voller Wucht und Poesie. Der Übersetzer Lacy Kornitzer hat das meisterhaft in deutsche Sprache überführt. Dieser großartige Roman wird hiermit nachdrücklich empfohlen.

Dragoman - Der ScheiterhaufenGyörgy Dragomán: Der Scheiterhaufen
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Gebunden, 496 Seiten
Berlin: Suhrkamp Verlag 2015
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Download: Eine Leseprobe (PDF) auf Suhrkamp.de.

György Dragomán und seine Lektorin Katharina Raabe sprechen über die Entstehung des Romans Der Scheiterhaufen sowie die Figuren, Motive und den Schauplatz des Buches. Außerdem betrachten sie die politischen Hintergründe des Romans und die Frage, wie diese mit der Biografie des Autors in Verbindung stehen.

György Dragomán wurde 1973 in Marosvásárhely (Târgu-Mureş) in Siebenbürgen geboren. 1988 verließ er mit seiner Familie Rumänien und übersiedelte nach Ungarn. Er schreibt auf Ungarisch und lebt in Budapest. Seinem Heimatland und dessen politischer Entwicklung blieb Dragomán verbunden, beides ist Thema auch in Der Scheiterhaufen. In diesem Video begleiten wir György Dragomán auf einer Reise in seinen rumänischen Heimatort Târgu Mureş. Er stellt den Ort vor, an dem er aufwuchs und zu schreiben begann.