Ein Klassiker zur Fototheorie – endlich wieder verfügbar

Die von Wolfgang Kemp (Bd. 1 – 3) und Hubertus Amelunxen (Bd. 4) herausgegebenen Sammelbände mit Texten zur Theorie der Fotografie haben bereits zur Zeit ihres Erscheinens  in den Jahren 1979 bis 2002 den Status von Standardwerken erlangt.  Sie wurden 2006 – zum 60. Geburtstag Wolfgang Kemps – zusammengefaßt in einem Band erneut publiziert. Dieser Band erzielte im Antiquariatshandel, wenn es überhaupt dorthin gelangte, ausgesprochen hohe Preise. Ein Indiz für seinen hohen Stellenwert. Ein weiteres ist, dass in kaum einer Literaturliste zum Thema Fototheorie der Reader von Kemp/Amelunxen fehlt. Der Verlag Schirmer/Mosel hat das Buch passend zum 175. Geburtstag der Fotografie und zum zum 40-jährigen Verlagsjubiläum wieder verfügbar gemacht.

Der Überblick über die theoretische Beschäftigung mit der Fotografie reicht von den Anfängen im Jahr 1839 bis in die 1990er Jahre. Viele wichtige und einflussreiche  Schlüsseltexte der Fototheorie sind hier vollständig oder gekürzt nachzulesen. Für alle, die sich für die philosophischen, ästhetischen und kunst- und kulturwissenschaftlichen Implikationen des Mediums Fotografie interessieren, ist dieses Kompendium unverzichtbar. Sicherlich kein Buch, das in einem Rutsch gelesen wird; das verhindert allein schon die Komplexität vieler der Texte und der darin ausgeführten Gedanken und Ideen. Aber, der Band lädt immer wieder zum Blättern ein und regt an, über das gelesene nachzudenken. Jeder Einzelband ist mit einem einleitenden Text des jeweiligen Herausgebers versehen, der die Auswahl der Beiträge begründet und einordnet und die jeweils vertretenen Positionen in Beziehungen zueinander setzt. Allein diese Einführungen lohnen bereits die Anschaffung des Buches.

Theorie der FotografieWolfgang Kemp / Hubert v. Amelunxen: Theorie der Fotografie
Band I – IV – 1839 bis 1995
Komplett in einem Band
Hardcover, 1296 Seiten
München: Schirmer/Mosel 2006
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Natürlich haben Wolfgang Kemp und Hubertus von Amelunxen die Texte nicht willkürlich ausgewählt. Jeder Band hat einen thematischen Kern, um den sich die Auswahl gruppiert. Dennoch waren die Herausgeber bemüht, die Grenzen möglichst weit zu fassen und auch Randpositionen der jeweiligen Epoche entsprechend Raum zu geben.

  • Band 1 enthält Texte aus den Jahren 1839 bis 1912. Es dominiert zunächst die Faszination des neuen Mediums und seiner technischen Möglichkeiten. Gleichzeitig beginnt die Diskussion, die die Fotografie bis heute begleitet: In welchem Verhältnis stehen Kunst und Fotografie? Wo verlaufen die Grenzen zwischen mechanisch-technischem Abbild und geistiger Schöpfung?
  • Band 2 umspannt die Jahre von 1912 bis 1945. Wichtig werden hier die Positionen der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens (Renger-Patzsch, Rodschenko, Man Ray, Moholy-Nagy). Eigenständige Ausdrucksformen des Fotografischen beginnen sich zu etablieren. Ebenso theamtisiert wird die Rückkopplung von Geselleschaft, Politik. Psychologie und Sozialem auf die Fotografie. Hier üben Kracauer und Benjamin großen Einfluss, um nur zwei Namen stellvertretend zu nenen.
  • Band 3 spiegelt die Jahre 1945 bis 1985. Das Wechselspiel von Realität und Inszenierung wird bedeutend und die Beschäftigung mit der Fotografie aus dem Blickwinkel von Semiotik und Ästhetik (Barthes et. al.).
  • Band 4 deckt den recht vergleichsweise kurzen Zeitraum von 1985 bis 1995 ab, hat aber gewichtiges zu bieten. Wie die Künste ja die Gesellschaft allgemein gerät auch die Fotografie ins Visir des Poststrukturalismus und der Postmoderne. Simulation, Dokument, Spur, Repräsentation und Archiv: nur einige Stichworte einer komplexen Reflexion der Fotografie. Wichtiges und Gewichtiges zu sagen hatten Baudrillard, Derrida, Bourdieu, Virilio, Flusser, Crimp, Wollen und andere. Mitunter wird das Lesen und Verstehen hier auch zur Schwerstarbeit.

Manche der Texte sind zeitlose Klassiker, andere haben unverkennbar Patina angesetzt. Doch wie bei Werken der Bildenden Kunst ist es auch hier so, daß Patina den Reiz erhöhen kann. Wenn man von einem Text keine zwingende Aktualität oder heute gültige Wahrheiten verlangt, erkennt man mitunter besser, welche Wahrheit und Aktualität er in der Zeit besessen hat, in der und in die hinein er geschrieben wurde. Ein größeres Manko der Sammlung ist dann schon eher ihre euro- und us-amerikanische Blickrichtung. Texte asiatischer oder afrikanischer Autoren blieben unberücksichtigt. Dabei hätten gerade japanische Fotografen und Denker mit Sicherheit einiges an  theoretischen Überlegungen zur Entwicklung und Stellung der Fotografie beizutragen gehabt. Und weil der Berichtszeitraum dieses Bandes im Jahr 1995 endet fehlt natürlich auch wesentliches zur Digitalisierung der Fotografie. Lediglich der jüngste der abgedruckten Texte berührt dieses Thema. Er stammt von Martha Rosler und beschäftigt sich mit Bildsimulationen und Computermanipulationen.

Dennoch bleibt als Fazit: unbedingt anschaffen, wenn man sich tiefer mit Geschichte und Theorie der Fotografie beschäftigen möchte. Dieses beeindruckende Buch mit seinen rund 1300 Seiten ist eine fototheoretische Bibliothek in nuce und seinen Preis voll wert.