10 Kommentare

  1. Manfred Bibiza
    29. November 2015 @ 19:34

    In meiner Leselücke zwischen „Der bleiche König“ und „Stoner“ stolperte ich neulich bei einem neunjährigen Freund über „Gregs Tagebuch“, fiel auf den Bauch und las in dieser Position mit königlichem Vergnügen das halbe Buch, bis es meinen Freund nervte, daß ich mich mehr mit seinem Buch beschäftigte als mit ihm. Bei der nächsten Gelegenheit kaufte ich alle Bände, habe jetzt ein Drittel durch, den „Stoner“ auf nächste Woche verschoben, und genieße täglich die kindische Vorfreude auf Gregs Geschichten, und die Frage, ob es sich dabei um „Große Literatur“ handelt, läßt mich herzlich kalt … gehe also so ziemlich d’accord mit dem vorangegangenen Beitrag von Petra.

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  2. Petra Gust-Kazakos
    21. November 2015 @ 19:22

    Versuch macht kluch – mir gefällt dein Versuch sehr gut. Die Sache mit den Bewertungskriterien, selbst wenn sie alle gefunden, definiert und erfüllt sein sollten, ist zwar hilfreich, aber am Ende ist es doch auch immer der persönliche Geschmack. Das höchstpersönliche Kriterium der eigenen Mitgerissenheit auf allen möglichen Ebenen. Vielleicht fallen deshalb auch die Besprechungen zu einem Buch so unterschiedlich aus, weil man für sich bestimmte Kriterien bestimmten anderen vorzieht. Auch insofern bin ich nicht sicher, ob eine objektive Bewertung überhaupt möglich ist oder auch nur unbedingt nötig. Auf jeden Fall sind die unterschiedlichen Meinungen, Bewertungen und Argumente hochinteressant. Herzliche Grüße
    Petra

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  3. Gérard Otremba
    20. November 2015 @ 12:51

    Ach, was wäre die Welt ohne einen Literatur-Kanon? Doch nur die Hälfte wert. Selbstverständlich gibt es in der Gegenwartslitertur auch „Große Literatur“, da muss ich gar nicht erst 50 Jahre abwarten, womöglich bin ich dann tot und verpasse den offiziellen Einlass von Ian McEwan („Abbitte“, Saturday“, „Kindeswohl“), Dieter Forte („Das Haus auf einen Schultern“) und Richard Powers („Der Klang der Zeit“) in den Kanon der „Großen Literatur“ und das geht natürlich gar nicht, also sage ich doch gleich hier und jetzt, dass es sich um große Literatur, um Meisterwerke handelt, da muss man doch nur mal sein Oberstübchen einschalten, um die Genialität dieser erwähnten Werke, die es durchaus mit den alten Klassikern aufnehmen können, zu erkennen. Und wenn ich demnächst Zeit habe, dann gibt es einen gar wunderprächtigen Literatur-Kanon der Gegenwartsliteratur. Es grüßt der dem Wahren, Guten und Schönen verpflichtete Kritiker Gérard. Habe die Ehre.

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    • Jochen Kienbaum
      20. November 2015 @ 17:00

      Hallo Gérard, auf »Deinen Kanon« warte ich mit Spannung … und auf die anschließende Diskussion, sowie das Aufstellen unterschiedlichster Gegenkanones.
      Ein Kanon kann immer nur eine mögliche Auswahl sein und hat immer empfehlenden Charakter. Er sollte betrachtet werden als Ausgangspunkt, als eine Leiter, die man nach dem Aufstieg wegstößt, um freihändig weiterzuklettern und neue eigene Wege und Nebenwege zu finden.
      Was den zeitlichen Abstand und die Kontextunabhängigkeit anbelangt: feste Jahreszahlen einzuziehen ist nicht sinnvoll. Bestimmte Werke erobern schnell Plätze in Kanones, andere brauchen lange, dritte schaffen es nie, obwohl sie es verdient hätten. »Einfach nur mal das Oberstübchen einschalten …« ist ein möglicher, aber auch ganz problematischer Maßstab.
      Muss ich aber nicht betonen, oder?! Weißt Du selbst. (Hier bitte ironischste Smileys imaginieren!) lg_jochen

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  4. Anton Goldberg
    20. November 2015 @ 10:28

    Eine gute und zutreffende Darstellung. Das ist, wie es funktioniert. Was nun noch zur Diskussion gestellt werden müsste, ist, ob diese Bewertungskriterien, deren Gültigkeit letzten Endes immer abhängig davon sind, dass sich eine ´Mehrheit´ entsprechend für ein Werk ausspricht, unter diesen Bedingungen wirklich etwas aussagen können – oder einfach nur immer die Wirkungsweise der Diskursordnung widerspiegeln… – Natürlich, es gibt wohl keine andere Möglichkeit der Beurteilung; aber ich finde es wichtig, sich immer wieder das Prinzip zu vergegenwärtigen, was dazu führt, dass manche Werke Eingang in den Kanon finden, andere wiederum ausgeschlossen werden und möglicherweise in der Versenkung des Vergessens verschwinden… Kurz, was ich damit sagen bzw. fragen möchte, ist: Ist die Meinung der meisten wirklich ein Garant für Richtigkeit in der Urteilsfindung oder setzt sie sich unter Umständen schlichtweg durch die Konstruierung von Wirklichkeit über die Wahrheit hinweg und schafft so ihre eigene Wahrheit, als eine „Wahrheit, die vor ihren eigenen Augen entsteht“ (Foucault: Die Ordnung des Diskurses)?

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    • Annegret
      20. November 2015 @ 12:06

      „Ist die Meinung der meisten wirklich ein Garant für Richtigkeit in der Urteilsfindung oder setzt sie sich unter Umständen schlichtweg durch die Konstruierung von Wirklichkeit über die Wahrheit hinweg und schafft so ihre eigene Wahrheit, als eine “Wahrheit, die vor ihren eigenen Augen entsteht” (Foucault: Die Ordnung des Diskurses)?“

      Ich glaube, die Beurteilung von Literatur ist immer eine eigene. Da kann man m.E. nicht von Richtigkeit sprechen.

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      • Jochen Kienbaum
        20. November 2015 @ 16:45

        Liebe Annegret,
        im Kern ist die Beurteilung von Literatur subjektiv, das ist völlig richtig. Meine ist es auch. Das soll, kann und wird auch niemandem genommen.

        Aber mich reizt die Frage schon, ob Beurteilungskriterien existieren (können), die möglichst viele Leser/Interpreten teilen. Wie schwierig und »rutschig« dieses Gebiet ist, zeigt sich in dem treffend gewählten Zitat von Foucault. Bereits im Artikel habe ich ja erwähnt, vielleicht zu beiläufig, wie sich Maßstäbe verschieben, je nachdem aus welcher Perspektive sie betrachtet werden. Letztlich hilft nur das dauerhafte Gespräch, der dauerhafte Austausch. Je mehr Menschen in diesen Austausch einbezogen werden, desto besser.

        lg_jochen

    • Jochen Kienbaum
      20. November 2015 @ 16:48

      Das »umkämpfte« und (auch) mit vielen »ideologischen Minen« gespickte Gebiet der Kannonbildung, lieber Anton, wäre (mindestens) einen weiteren Beitrag wert.

      Sie haben völlig Recht, wenn Sie nachfragen, ob die Meinung einer Mehrheit, ein Garant ist. »Große Literatur« ist und bleibt nicht zu fassen …

      lg_jochen

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      • Anton Goldberg
        21. November 2015 @ 23:48

        Ja, einen kleinen Vorstoß in diese Richtung, wenn auch in sehr schwammiger und assoziativer Weise, habe ich vor ziemlich genau drei Monaten in meinem Beitrag „to whom it may concern #1“ auf meinem Blog https://indieautor.wordpress.com unternommen. Über Kommentare und Meinungen zu meinen dort unzureichend formulierten Gedanken zu Kanonbildung und Kunst würde ich mich freuen!
        Beste Grüße,
        Anton

  5. Annegret
    20. November 2015 @ 09:49

    Eine wunderbare Ausführung! Mir stellt sich im Nachhinein die Frage, ob „Große Literatur“ nicht eine Frage der Zeit ist. Kann man Gegenwartsliteratur als „Große Literatur“ bezeichnen, oder muß man eine großen Zeitraum abwarten und dann sagen: „Ja, das ist „Große Literatur“ gewesen!“?

    Nachdenkliche Grüße
    Annegret

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