Ein unverzichtbares Zeitdokument: Eugen Kogon »Der SS-Staat«

Heute vor 70 Jahren haben Soldaten der Roten Armee die überlebenden Gefangenen des Konzentrationslagers von Auschwitz befreit. Dieser Tag ist ein internationaler Gedenktag und markiert das Ende einer menschenverachtenden, seelenlosen und brutalen Vernichtungsmaschinerie, die die Nationalsozialisten in ganz Europa installiert hatten. Ihr Ziel; Menschen ermorden, ohne Ansehen der Würde und ohne Mitgefühl.

Wie diese Maschine funktionierte und was sie antrieb, hat Eugen Kogon in seinem Buch Der SS-Staat nüchtern und akribisch aufgezeichnet. Kogon selbst war seit 1939 Opfer und Gefangener der Gestapo und bis zum 11. April 1945 Häftling im KZ Buchenwald. Sein Buch hat er unmittelbar nach seiner Befreiung geschrieben und im Frühjahr 1946 veröffentlicht. Der SS-Staat ist eine bestechende Analyse des NS-Terrorsystems und ein bis heute gültiges zeithistorisches Dokument. Eugen Kogon schreibt im Vorwort:

Eugen Kogon

Eugen Kogon (1947)

Die deutschen Konzentrationslager waren eine Welt für sich, ein Staat für sich – eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch geworfen wurde, der nun mit all seinen Tugenden und Lastern – mehr Lastern als Tugenden – um die nackte Existenz und das bloße Überdauern kämpfte. Gegen die SS allein? Beileibe nicht; genauso, ja noch mehr gegen seine eigenen Mitgefangenen! Das Ganze hinter den eisernen Gitterstangen einer terroristischen Disziplin ein Dschungel der Verwilderung, in den von außen hineingeschossen, aus dem zum Erhängen herausgeholt, in dem vergiftet, vergast, erschlagen, zu Tode gequält, um Leben, Einfluß und Macht intrigiert, um materielle Besserstellung gekämpft, geschwindelt und betrogen wurde, neue Klassen und Schichten sich bildeten, Prominente, Parvenüs und Parias innerhalb der Reihen der Sklaven, wo die Bewußtseinsinhalte sich wandelten, die sittlichen Wertmaßstäbe bis zum Zerbrechen sich bogen, Orgien begangen und Messen gefeiert, Treue gehalten, Liebe erwiesen und Haß gegeifert, kurzum die tragoedia humana in absonderlichster Weise exemplifiziert wurde.

Kogon - Der SS-Staat

Eugen Kogon – Der SS-Staat | Erstausgabe im Karl Aber Verlag München (1946)

In unserer Bibliothek hat das Buch einen festen Platz unter den zahlreichen historischen, politischen Werken zum Nationalsozialismus und vielen Zeitzeugenberichten. Es eine Erstausgabe des Buches, ein kleiner bibliophiler Schatz, der von einem unserer Großväter an uns weitergegeben wurde. Das Büchlein wurde und wird rege genutzt und hat daher auch sichtbar gelitten, aber es trägt die Zeichen der Zeit und des Verschleißes mit Würde.

Im Lauf der Jahrzehnte hat die deutsche Ausgabe von Kogons Buch die 44. Auflage und eine verkaufte Stückzahl von über 500 Tausend erreicht, zudem wurde es in mehrer Sprachen übersetzt. Ein Standardwerk über die NS-Verbrechen. Es ist schonungslos aber sachlich, und es ist »nicht eine Geschichte der deutschen Konzentrationslager, auch nicht ein Kompendium aller verübten Grausamkeiten (…), sondern ein vorwiegend soziologisches Werk, dessen als wahr festgestellter menschlicher, politischer und moralischer Inhalt beispielhafte Bedeutung hat.« So Kogon im Schluss seiner Einleitung. Lesen, lesen, lesen!

Eugen Kogon verstarb am 24. Dezember 1987 im Alter von 84 Jahren. Zeit seines Lebens hat er sich als christlich geprägter Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler für ein friedliches, geeintes und demokratisches Europa eingesetzt, er ist einer der intellektuellen Väter der Bundesrepublik, und er hat sich, wo immer es nötig war, für die Würde und Rechte der Menschen gefochten. Sein Sohn, Michael Kogon, hat seinem Vater und seiner Mutter in einem kleinen Erinnerungsbuch ein Denkmal gesetzt. Es ist eine bewegende Familien- und Zeitgeschichte, nach deren Lektüre der Leser den großen Geist und den tiefen Glauben Eugen Kogons an bessere Zeiten, aber auch seine objektive und sachliche Analyse des Terrorsystems, das ihn persönlich bis an den Rand des Todes gequält und erniedrigt hat, noch mehr bewundert.

In Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus, verbunden mit dem klaren Bekenntnis »Niemals wieder!«

Kogon - Lieber VatiMichael Kogon: Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?
Erinnerungen an meinen Vater Eugen Kogon. Briefe und Kassiber aus dem KZ Buchenwald.
Gebunden, 528 Seiten
München: Pattloch 2014
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Kogon - Der SS-StaatEugen Kogon: Der SS-Staat
Das System der deutschen Konzentrationslager
Broschur, 432 Seiten (44. Auflage)
München: Heyne Verlag 1988
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