2 Kommentare

  1. Tobi
    7. März 2016 @ 10:21

    Lieber Jochen,

    eine interessante Betrachtung. Ich fand die Übersetzung von Jendis und auch die Kürzungen der Hanser Ausgabe sehr gelungen. Die Sätze lesen sich gut und der Trade-off zwischen Originalität (beispielweise die Nutzung der nautischen Begriffe) und recht flüssig lesbaren Sätzen erscheint mir in der Ausgabe gut ausgewogen. Aber das ist natürlich sehr subjektiv, denn ich hab weder das Original noch eine andere Ausgabe gelesen.

    Die Frage, die ich mir oft stelle, ist die, wie entscheidend das für den großen Teil der Leserschaft ist. Klar, in literaturwissenschaftlichen Kreisen rümpft vielleicht der ein oder Andere die Nase, wenn sich der Übersetzer vom Original entfernt. Mir ist es wichtig, dass ich eine ordentliche Übersetzung bekomme, keine komischen eingedeutschen Namen präsentiert bekomme, ein gut lesbares Buch, ein Text der stimmig ist und das Original wiederspiegelt. Aber das Übersetzen ist kein mechanischer Vorgang, der sich automatisieren lässt (wieso das so ist, wird in „Die Analogie: Das Herz des Denkens“ von Douglas Hofstadter und Emmanuel Sander gut vermittelt). Insoweit ist der Transfer von einer in eine andere Sprache immer etwas, das nicht eindeutig ist und ein Werk verändert. Ich habe mich oft gefragt, wie viel das ausmacht. Als Nachwort in „Madame Bovary“, die Ausgabe vom Hanser Verlag, die von Elisabeth Edl übersetzt wurde, geht sie im Nachwort auf einige sprachliche Feinheiten ein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Feinheiten wirklich erfasst habe. Wobei ich mich im Zweifelsfall schon irgendwie auf den Verlag verlasse. Bei Hanser, dtv, mare oder Manesse wurde ich selten enttäuscht, die haben ihren Preis (sind also keine kostenlosen, abgescannten Kindle Ausgaben) und da stehen ja schon fähige Leute dahinter.

    Besonders interessant ist in dem Zusammenhang „Horcynus Orca“. Ein Buch, bei dem die große Leistung sowohl beim Autoren, aber auch sehr beim Übersetzer lag. Selbst wenn sich Moshe Kahn, der Übersetzer hier vom Original entfernt hat, ist ein extrem gelungenes Buch heraus gekommen. Eine Leistung und ein Kunstwerk, das beiden zuzuschreiben ist. Und so sehe ich das hier, wie du auch, als einen doppelten Gewinn: zwei Übersetzungen von Moby Dick, die zu zwei unterschiedlichen Werken führen, die wohl beide eine lesenswerte Qualität haben und den gleichen Kern in sich tragen, der auch durch unterschiedliche sprachliche Feinheiten zu spüren ist.

    Kathrin von phantasienreisen.de liest beispielsweise „Die Elenden“ von Victor Hugo gerade in der englischen Übersetzung. Ich habe die deutsche Übersetzung aus dem Manesse Verlag gelesen (und rezensiert). In ihrem Blog hat sie ihre ersten Eindrücke geschildert und ich muss sagen, sie decken sich doch sehr mit den meinen. So krass kann der Unterschied also nicht sein. Aber vielleicht bin ich in der Hinsicht auch einfach zu pragmatisch 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

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    • Jochen Kienbaum
      7. März 2016 @ 18:09

      Übersetzen ist Transfer, der Übersetzer ein Fährmann, der eine fragile Fracht von A nach B »übersetzt«. Ich glaube die wenigsten Litereturwissenschaftler rümpfen die Nase, wenn sich dabei das Original verändert, im Gegenteil. Und in der Tat ist dafür »Horcynus Orca« ein wunderbares Beispiel.

      Ich kann Dir nur raten, zum Vergleich auch in den »Moby Dick« von Rathjen zu schauen. Er ist ruppiger als Jendis, kommt aber, so meine Meinung, den sprachlichen Brüchen und den Sprüngen im Tonfall des Originals etwas näher. Das Original ist übrigens mit solidem Schulenglisch auch recht gut zu meistern. Dann fällt der Vergleich noch leichter.

      Interessant ist in jedem Fall, dass eine gute Übersetzung intuitiv auch dann als gut erkannt werden kann, wenn man selbst die Originalsprache nicht beherrscht. Für mich vermittelt sich das durch den Gesamtfluss, die Stimmigkeit und Dichte des Textes. Wenn es ein Übersetzer dann noch schafft, Eigentümlichkeiten im Satzbau und der Grammatik der Herkunftssprache ins Deutsche zu retten, dann ist das nahezu perfekt. Ein Beispiel? Christina Viraghs Übertragung der »Parallelgeschichten« von Peter Nadas. Grandios; das ist deutsches Ungarisch, wie mir Muttersprachler bestätigt haben.

      lg_jochen

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