Wenn Holzbodenpflege so richtig in die Hose geht

Also, Literaturpäbste, Tiefgründler, Großliteraten und Philosophen brauchen gar nicht erst weiterzulesen. Abstand nehmen sollten auch Menschen, die ihre Wohnung penibel gestalten und hüten, um jederzeit bereit zu sein für den Besuch eines Reporterteams von „Schöner Wohnen“. Denn im folgenden geht es a.) um eine leichte, beschwingte Sommerlektüre und b.) den Albtraum eines jeden Holzbodenfanatikers.

Wiles - Pflege von Holzböden

Die nachhaltige Pflege von Holzböden ist der Erstlingsroman des englischen Journalisten Will Wiles, der vor allem über die Bereiche Architektur und Design schreibt. Irgendwann hatte er, so scheint’s, genug von geleckten Inneneinrichtungen, über-designten Wohnzimmern und perfekten Parkettböden. Wiles hat sich eine Geschichte ausgedacht, in der in einer todesspiraligen Katastrophenkette ein Bilderbuch-Appartement nach allen Regeln der Kunst zerlegt wird. Die nachhaltige Pflege von Holzböden bietet viel Schadenfreude, herrlich absurde Situationskomik und reichlich Anlass, sich laut lachend auf die Schenkel zu klopfen.

Der vielbeschäftigte Komponist Oskar (seit dem Meisterwerk „Varationen über Trambahnfahrpläne“ ein gefeierter zeitgenössischer Tonsetzer) bittet einen alten Studienfreund während seiner Abwesenheit, seine Wohnung zu hüten. Der Freund wiederum hofft, in der Zeit des House Sitting eine beharrliche Schreibblokade hinter sich zu lassen. Jedem ist also geholfen. Oskars Wohnung liegt in einer nicht näher benannten osteuropäischen Metropole; schon allein der Ort mit seinen ungewohnten Sitten und Lebensalltäglichkeiten verlangt dem Wohnungspfleger einiges ab. Viel schlimmer aber ist die Wohnung selbst, mit all ihrem Leder, Chrom und blitzblanken Oberflächen, mit den inhaltlich und farblich fein ausbalancierten Bücher- und CD-Regalen, dem Klavier, auf dem niemand spielen darf und … den beiden Katzen Schossy und Strawy, benannt nach russischen Komponisten.

Oskar hat vorgesorgt; überall liegen (offen oder versteckt) Zettelchen mit Anweisungen zur Hege seines Heims, mit Verboten und Geboten. Und als hätte Oskar sich schon so einiges gedacht, liegen die immer genau dort, wo sie gebraucht werden. Der wichtigste Befehl von allen lautet: Niemals! Niemals!! Flüssigkeiten auf den Holzboden gelangen lassen!!! Natürlich kommt es, wie es kommen muss. Es fließt ordentlich Rotwein(!) auf den Holzboden … und das Chaos nimmt seinen unabänderlichen Lauf.

Alles geht schief, was schiefgehen kann; die Wohnung ist nach nur acht Tagen (mehr oder weniger) Kleinholz und nicht alle Katzen bleiben schadlos. In diesen acht Tagen verirrt sich der Held in der postsozialistischen Stadt, torkelt im Suff durch diverse obskure Kellerlokale, landet in Einöden und Ruinen, wird von Hunden und merkwürdigen Gestalten bedroht, liegt im Clinch mit der Putzfrau Ada, die er nicht versteht und sie ihn auch nicht und, und, und … und am Ende wird doch alles gut. Denn alles war eigentlich nur … (Nein, das wird nicht verraten.)

Die nachhaltige Pflege von Holzböden von Will Wiles ist keine Neuerscheinung, das Buch wird bereits seit einem Jahr im Verlag carl’s books vertrieben (ja, das sind die mit dem Megaerfolg des Hundertährigen). Ich habe den Roman kürzlich geschenkt bekommen und mit größtem Vergnügen in einem Rutsch gelesen. Mit viel britisch-schwarzem Humor, mit liebevoller Schadenfreude, mit hintergründigem Wortwitz und süffisanter Ironie zaubert Wiles eine schöne Geschichte hervor über Männerfreundschaft, Beziehungsstress und Pflegetipps für Holzböden.

Wie gesagt, keine große Literatur, aber ein höchst amüsanter Roman und eine Screwballkommödie auf Papier für Zwischendurch, für den Strand, für die Lektüre auf der täglichen U-Bahnfahrt oder als Geschenkbuch für Sauberheitsfanatiker und pingelige Wohnungsbesitzer. Zum schmunzeln, zum lachen und schön schräg.

Wiles - Pflege von HolzbödenWill Wiles: Die nachhaltige Pflege von Holzböden
Aus dem Englischen von Sabine Lohmann
Klappenbroschur, 288 Seiten
München: carl’s books 2013
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