Das Lächeln der Statue – »Jules und Jim« von Henri-Pierre Roché

Natürlich! Der Film von François Truffaut, Jules und Jim, Oskar Werner und Henri Serre an der Seite der göttlichen Jeanne Moreau, eine heiter-melancholische »Menage á trois« in klassischem Schwarzweiß. Jules und Jim war 1953 der Debütroman von Henri-Pierre Roché, ein Schrifsteller im jungen Alter von 74 Jahren. Truffaut klaubte 1956 das von der Kritik wenig beachtete Buch aus einer Grabbelkiste bei seinem Buchhändler um die Ecke, war schlagartig fasziniert, traf Roché, zeigte ihm Fotos der Moreau, sie gefiel Roché, die Idee vom Film auch. Gesehen hat er die Verfilmung seines Romans nicht mehr, Hernri Pierre Roché verstarb 1959, drei Jahre vor der Premiere.

Roché war ein typischer Homme de la Belle Epoque, Lebemann durch und durch, elegant, gebildet, freizügig, ein Kunstfreund und -förderer, er brachte Gertrude Stein mit Picasso zusammen, zu seinen Freunden zählten Picabia, Duchaump, Brancusi, Wols … und der deutsche Schriftsteller Franz Hessel. Dessen Frau Helen entflammte in Roché lebenslange Zuneigung, Liebe und Achtung. Helen erwiderte die Gefühle, sie ließ sich von Franz scheiden, heiratete ihn später aber erneut, lebte mit Franz und Henri in einer unmöglichen Dreierbeziehung, mehr oder weniger offen, das war frech und gewagt damals, selbst im frivol-tanzend-taumelnden Paris der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, erst recht in Deutschland.

Roche - Jules und Jim

Im wesentlichen ist Jules und Jim die Geschichte dieser Dreiecksbeziehung, Franz ist Jules, Henri ist Jim, Helen ist Kathe. Doch weil ein Roman immer mehr ist, als ein Spiegel der blanken Realität, hat Roché mithilfe seiner komplexen und komplizierten, parallelen Aufzeichnungen, Notate und Notizen, ein formal geordnetes Tagebuch hat er nie geführt, die Geschichte in ungeheurer Distanz zum wahren Geschehen neu komponiert. Und so ist Jules und Jim selbstverständlich viel mehr als nur ein eleganter autobigraphischer Roman über eine »menage á trois«, das Buch ist ein sehr besonnenes und sehr gelassenes Protokoll der physischen und psychischen Mechanismen der Liebe, zu dem (beinahe zwangsläufig) nur der Tod den Schlusspunkt setzen darf; Kathe löscht ihr Leben und ihre Leben aus, indem sie sich im Auto von einer Brücke stürzt, und den geliebten Jim reißt sie mit.

Kathe ist eine begehrende und begehrte Frau, die keine Kompromisse kennt, sie ist eine Urgewalt die sich wie ein Wasserfall tosend hinabwälzt, komme, was wolle, stelle sich in den Weg, was wolle, sie ist eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Kathe liefert sich bedingunslos dem Magnetismus der Liebe aus, den sich wechselweise anziehenden und abstoßenden Kräften der Begierde und Eifersucht. Kathes Gefühlswelt ozilliert zwischen extremen Polen, heiß und kalt, schwarz und weiß, nichts dazwischen. Das geht soweit, dass sie im Streit Jims Liebe erst als wahrhaftig emfpindet, als er ihr gekrämkt und zornig ins Gesicht schlägt. Amuor extreme!.

Gleichzeitig ist sie lebensnotwendiger Katalysator für die Freundschaft zwischen Jules und Jim. Weil Kathe unter allen Umständen und auf alle Kosten Klarheit und Harmonie anstrebt, sind die beiden Männer immer wieder gezwungen, sich zu sammeln, sich gegenseitig ihrer Gefühle und Gedanken zu versichern. Ihre Freundschaft übersteht alle Trennungen und Wiedervereinigungen, trotzt aller Hochgefühle und aller Schmerzen. Der Mittelpunkt ihrer kreisenden Leben ist Kathe, egal welche Liebschaften sich sonst ergeben (und es ergeben sich einige). Von Anfang an, so heißt es im Roman, wirken der kleine, rundliche Jules und der der große und schlanke Jim wie Sancho Pansa und Don Quijotte, aneinandergekettet im aussichtslosen, lebenslangen Kampf gegen die Windmühlen des Lebens und der Liebe. Kathe ist leidenschaftlich, zärtlich, grausam und schön, sie ist das Fleisch gewordene Ideal der Weiblichkeit, das die beiden Freunde einst im Lächeln einer antiken Statue in Griechenland entdeckten. Jules und Jim sind diesem Ideal, sind Kathe lebenslang verfallen.

All das erzählt Roché ohne zu moralisieren, ohne in Sentmentalität zu verfallen, ohne zu urteilen. Die Geschichte der verhängnisvollen »amour fou« entfaltet sich bei allem Gewicht sehr leicht und luftig. Roché wird niemals kitschig, im Gegenteil, sehr klar und analytisch protokolliert er das innere und äußere Geschehen. Beinahe sanftmütig tritt der Erzähler seinen Figuren gegenüber; bei allen Konflikten und Extremen atmet der Text eine ruhige und sehr beruhigende Gelassenheit aus und eine sanfte Melancholie. Große Zeitsprünge und extreme emotionale Wendungen teilt er nicht selten in lappidar-knappen Sätzen mit, ohne sie schweifend auszuschmücken. Alles breit auserzählen, ist nicht Rochés Anliegen, darin liegt die frappierende Modernität dieses unorthodoxen Romans, er konzentriert sich auf die Seelen seiner Figuren, nicht auf die Körper und ihre Umwelt. Psyche geht vor Physis. Ihr Alter merkt man dieser wundervollen Wiederentdeckung niemals an, nicht zuletzt ein großes Verdienst der Übersetzerin Patricia Klobusiczky.

Roche - Jules und JimHenri-Pierre Roché: Jules und Jim
Neu übersetzt von Patricia Klobusiczky
Mit einem Vorwort von François Truffaut
Gebunden, 272 Seiten
Frankfurt/Main: Schöffling & Co. 2016
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Ein Postskriptum

Eine Frau allein ist immer schön.

Dies behauptet keck Helen Hessel in einem ihrer Zeitungsartikel aus Paris. Im Nimbus Verlag ist unlängst eine umfangreiche Auswahl von Hessels Texten zu Mode und Zeit für diverse deutsche Blätter erschienen. Der Band Ich schreibe aus Paris ist opulent bebildert und schön gestaltet. Eloquent, gebildet und frech zeigt sich Helen Hessel hier als genaue Beobachterin und Erzählerin mit Qualität. Ihre journalistischen Texte bieten lebendige Einblicke in die goldene Zeit der verschwenderischen 20er Jahre in Paris und transportieren Zeitgeist und Mode, das Lebensgefühl westlich und östlich vom Rhein und verraten auch viel über die Kraft der Liebe. Eine perfekte Ergänzung zum Roman Jules und Jim von Hessels Freund Roché.

Franz Hessel ist vor allem berühmt als Autor von Spazieren in Berlin, »ein Lehrbuch der Kunst in Berlin spazieren zu gehn ganz nah dem Zauber der Stadt, von dem sie selbst kaum weiß«, aber er hat auch als Lektor und Übersetzer gearbeitet. Einige seiner wunderbar schmalen Romane hat der Lilienfeld Verlag wieder zugänglich gemacht.

Hessel - Ich schreibe aus ParisHelen Hessel: Ich schreibe aus Paris
Über die Mode, das Leben und die Liebe
Herausgegeben und kommentiert von Milena Ganeva und einem Nachwort von Manfred Flügge
Gebunden, Halbleinen, 380 Seiten (mit zahlreichen Fotos und Abbildungen)
Wädenswil (CH): Nimbus Verlag 2014
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Hessel - Spazieren in BerlinFranz Hessel: Spazieren in Berlin
Ein Bilderbuch in Worten
Mit einem Geleitwort von Stéphane Hessel
Broschur, 240 Seiten
Berlin: Berlin Verlag 2014
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