Siegfried und Krimhild – Jürgen Lodemann hat einen deutschen Mythos wiederbelebt

Die chaotische Welt des Nibelungenliedes wird bestimmt von Liebe und Verrat, von Rache und Recht, von Heldentum und Verbrechen. Die Welt des Nibelungenliedes ist eine Welt des Untergangs und das Leben aller beteiligten Menschen wird gelenkt vom erbarmunslosen Schicksal. Das Nibelungenlied ist ein Werk von klassischem Rang und doch hat es kaum jemand wirklich gelesen. Das möchte Jürgen Lodemann mit seinem Roman Siegfried und Krimhild ändern. Das ist weit mehr als nur eine (weitere) Nacherzählung des Mythos, vielmehr hievt Lodemann das Nibelungenlied ins beginnende 21. Jahrhundert und verwebt den Text mit den Zeitläuften der deutschen Geschichte.

Der Text des Nibelungenliedes, so wie wir es heute kennen, stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert. Ein unbekannter Dichter war es, der damals die Geschichte um den Drachentöter Siegfried und den Untergang der Burgunden an Etzels Hof in ein 10.000 Zeilen langes Epos umgeschmiedet hat. Das, was dort beschrieben wird, fand hunderte von Jahren vorher statt, nämlich zur Zeit der ausgehenden Völkerwanderung, als Kaiser und Papst das Land teilten und Machtansprüche neu organisierten. Das Nibelungenlied war die in Kunstform gegossene endgültige Absage an eine dunkle Vergangenheit, in der heroische und brutale Gewalt obsiegten, wo blinde Gier nach Macht alle Mittel rechtfertigte und sich niemand wirklich um den Unterschied zwischen Gut und Böse gekümmert hat.

Auch heute noch hat das Wucht. Allerdings ist es in unserer Zeit nicht mehr möglich diesen Stoff, der im 19. Jahrhundert von vielen Interpreten und Apologeten deutschnational eingefärbt und bisweilen dumpf-deutsch aufgeladen wurde, einfach so nachzuerzählen. Auch Jürgen Lodemann, Jahrgang 1936, weiß das ganz genau. Schon im Titel macht er deshalb deutlich, daß es ihm in erster Linie um das Schicksal zweier Individuen geht: um „Siegfried und Krimhild“.

Mit einem geschickten Kunstgriff befreit sich Lodemann vom deutschtümelnden Dunst der Nibelungen, ohne dabei das alte Epos und seine historischen Grundlagen gänzlich zu verraten. Er gibt sich (ähnlich wie Umberto Eco in „Der Name der Rose“) als heutiger Übersetzer einer bislang verschollenen, von zwei Zeitzeugen verfassten Chronik aus dem späten 5. Jahrhundert aus. Dieser Trick ermöglicht es ihm, den vermeintlich historischen Text mit vielen gelehrten Anmerkungen zu versehen, um so die Geschichte dem Leser des beginnenden 21. Jahrhunderts transparent zu machen. Diese Anmerkungen sind nicht etwa tief in einem Fußnotenapparat vergraben oder, was noch schlimmer wäre, weit weg in einen Anhang verbannt, sondern rot gedruckt direkt in den laufenden schwarz gedruckten Text eingewoben. Text und Kommentar werden zur Einheit.

Siegfried und KrimhildJürgen Lodemann: Siegfried und Krimhild
4. durchgesehene Auflage
Gebunden, zweifarbiger Druck, 886 Seiten
Stuttgart: Klett-Cotta 2002

Lodemanns Siegfried ist kein tumber Tor, kein Schlagetot, sondern ein gebildeter, weitgereister Mann, obendrein noch reich, groß und schön. Ein echter deutscher Volksherrscher eben. Denn „deutsch“, so erklärt Lodemann, bezeichne im ursprünglichen Sinne Leute aus dem Volk. Breit wird ebenfalls diskutiert, daß Siegfried ein Nachkomme des legendären Cheruskers Arminius gewesen sein könne, der eigentlich Sigurd hiess. Gleichzeitig ist Lodemanns Geschichte von Siegfried und Krimhild auch die Geschichte vom erwachenden europäischen Bewußtsein. Es ist die Zeit, in der die römisch-katholische Kirche begann, ihre Missionare in den barbarisch-finsteren germanischen Norden zu schicken, um dort eine Weltordnung zu zimmern, die bis heute unseren Kontinent prägt. Die Missionare trennten das Denken vom Leib, Gefühle wurden der Ratio geopfert. Daran muss Siegfried, ganz Naturkind und Bauchmensch, zwangsläufig zu Grunde gehen. Nicht um die Ehre Brünhildes zu retten, wird er in Lodemanns Version der Nibelungen niedergemetzelt, sondern, um der verqueren Staatsräson von Hagen, Gunther und ihrem allgegenwärtigen Berater Bischof Ringwolf den Weg zu bahnen.

Über 20 jahre lang hat Jürgen Lodemann an seiner Neu- und Nacherzählung des Nibelungenepos gearbeitet. In dieser Zeit ist es angewachsen zu einem 900-Seiten Wälzer, der der titelgebenden Liebes- und Mordgeschichte ebenso viel Raum läßt wie dem politischen und historischen Zeitspiegel. Geschickt hat Lodemann die Zeitspannen des Originals gestrafft, Ungereimtheiten beseitigt und Unebenheiten geglättet. Und über weite Strecken hinweg beweist Lodemanns Nibelungenerzählung auch ein gerütteltes Maß Humor. Wer also wissen möchte, wer Hagen, Gunther und Siegfried wirklich waren – bevor sie ein katholischer Mönch im 13. Jahrhundert in Verse presste, im 19. Jahrhundert Hebbel, Wagner sich ihrer bemächtigten und anschließend die Nazis sie ideologisierten – dem sei Lodemanns Neudichtung der Nibelungen nachhaltig empfohlen. Hier wird ein deutscher Mythos wirklich wiederbelebt.

(Dieser Artikel wurde erstmals im September 2002 im alten Angebot von lustauflesen.de veröffentlicht. Er wurde überarbeitet und ergänzt)