Skurrile Typen und große Gefühle – Die Karte meiner Träume

Verfilmung von Literatur, das ist so eine Sache. Meiner Meinung nach geht es meistens schief. Zu oft werden Geschichten glattgebügelt und Handlungen verflacht. Ab heute im Kino: Die Karte meiner Träume von Reif Larsen. Regie führte Jean-Pierre Jeunet, der mich mit Die wunderbare Welt der Amélie und Delikatessen schon zweimal mit verschrobenen Geschichten gut unterhalten hat. Hier der offizielle Trailer zu Karte meiner Träume als Vorgeschmack.

Ich hatte Gelegenheit, den Film in einer Pressevorbesichtung zu sehen. Ja er lohnt sich, mit Einschränkungen. Gut gefallen hat mir, wie Jeunet eine Geschichte aus der Jetztzeit erzählt, aber dabei Handlung und Figuren merkwürdig schrullig und altmodisch zeichnet. Die Gegenwart wirkt wirkt wie vergangen. Insofern ist die Verfilmung schon treffend, denn auch die 2010 erschienene Romanvorlage lebte von diesem anachronistischen Gegensatz. Als Buch habe ich Die Karte meiner Träume geliebt (bis heute), als Film mag ich sie (mal sehen, wie lange).

Die Abenteuer des Kartographen

Die Geschichte vom kleinen T(ecumseh) S(parrow) Spivet ist eine Schatzkiste voller Kindheitserinnerungen. Die Botschaft des Romans ist simpel. Die Liebe und Geborgenheit einer Familie ist das wertvollste, das wir besitzen können. Auch und gerade, wenn diese Familie so gar nicht den Idealvorstellungen zu entsprechen scheint.

Der 12-jährige T. S. Spivet und seine Familie leben auf einer Ranch in Montana; der Vater ist ein wortkarger, introvertierter Cowboy mit Vorliebe für alte Wild-Westfilme. Die Mutter ist Käferforscherin, eine auf ihre Art gescheiterte Wissenschaftlerin. Dann sind da noch die Schwester, ein typischer Teenager in bunter Girlie-Welt, und der ältere Bruder … ja, über den wird eigentlich nicht mehr gesprochen, seitdem er bei einem Schießunfall ums Leben kam.

T. S. ist ein begabter Zeichner und leidenschaftlicher Kartograph; alles, was ihn umgibt, erfasst und ordnet er in Karten, Tabellen, Schaubildern und Diagrammen. Durch Vermittlung eines Freundes der Familie sind viele dieser Zeichnungen bereits in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen und auch das Smithonian Museum in Washington nutzt seine Arbeit. Nun soll ihm dort ein Preis verliehen werden; doch niemand ahnt, daß der Preisträger, die Hoffnung der Wissenschaft, ein 12-jähriger Junge ist.

Der Leser begleitet T.S. auf seiner abenteuerlichen Fahrt nach Washington. Realität und Phantasie geraten mehr und mehr durcheinander. So spricht T.S. unterwegs mit Lokomotiven über Rousseau, wird von Wurmlöchern in der Prairie verschluckt und in Chicago sogar in eine lebensgefährliche Messerstecherei verwickelt. Der Text mit seiner kindlich naiven Erzählperspektive wird in der Marginalienspalte durchgehend ergänzt durch liebevoll gezeichnete Karten und Illustrationen, durch Listen, Diagramme und Notizen. Sie sind ein elementarer Bestandteile der Erzählung. Erst mit den Marginalien wird die Gedanken- und Gefühlswelt des kleinen T.S. transparent. Der Film macht aus diesen Marginalien kleine Zeichentricksequenzen, die in die reale Szene hineinplatzen und zum Teil auch interagieren.

Larsen - Karte meiner TräumeReif Larsen: Die Karte meiner Träume
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Mit zahlreichen Illustrationen
Broschur, 464 Seiten
Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 2010
Buch bestellen

Die Karte meiner Träume ist Juwel und Anachronismus. Auf der einen Seite anrührend und altbacken, auf der anderen postmodern, bruchstückhaft und avantgardistisch. Eine liebevoll erzählte (und gezeichnete) Geschichte mit einfachem Weisheits-Kern: das Leben als solches kann man nicht verstehn. Selbst umfassendes Sammeln und vollständiges Katalogisieren reicht niemals, um die Welt zu verstehen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Träume, Sehnsüchte und Gefühle lassen sich nicht kartographieren.

Ein einfaches Buch, geradeaus erzählt aus der Perspektive des kleinen T.S., der naiv und ehrlich durchs Leben läuft. Einiges, leider nicht alles, hat es aus dem Buch heraus auf die Leinwand geschafft. Sehenswert ist der Film, das Buch aber lesenswerter.