Gefühl und Verstand steigen in die Achterbahn – Wie und warum ich lese

Hinter Novelero – Blog für Literatur steckt Sandro Abbate. Kürzlich erzählte er in einem Beitrag von seiner Oma und wie sie seine Leidenschaft fürs Lesen geweckt hat und wie seitdem das Lesen sein Leben steuert und bereichert. Gleichzeitig fragte er auf Facebook mich und einige andere ganz unverblümt, wie wir denn lesen? Das sagt sich schnell, dachte ich und kam, nachden die ersten Worte getippt waren, mächtig ins Stolpern. Warum und wie lese ich? Eine vertrackte Frage, auf die hier eine mögliche Antwort suche.

Für viele ist Lesen Zeitverschwendung, allenfalls Ablenkung, bestenfalls Unterhaltung. Auch ich lese von Zeit zu Zeit so, als ob ich mich nebenbei von einem Fernseher mit Tönen und Bildern berieseln lasse. Doch in der Regel will mein Lesen mehr und führt mich weiter. Nicht ohne Grund steht seit geraumer Zeit das folgende Zitat des alten Geheimrats aus Weimar auf der Startseite dieses Blogs:

Es ist ein großer Unterschied, ob ich lese zu Genuß und Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung. _GOETHE

Ich genieße Bücher, sie beleben mich, ich erkenne durch sie und sie belehren mich. Damit ist im Prinzip alles gesagt, beinahe.

Woe ich lese - Der Bücherwurm von Spitzweg

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm (1851) – Milwaukee Public Library | Grohmann Museum

Zunächst einmal ist jede Form von Literatur nichts anderes als ein Text, erst im Akt des Lesens, meines Lesens, wird daraus mehr als aneinandergereihte Buchstaben und Worte. Der Text füllt mich und ich fülle den Text. Meine Lebenserfahrungen und meine persönliche Disposition fließen während des Leseaktes in den Text und gleichzeitig sauge ich neue Erfahrung aus dem Text, ich lege meine gesamte Persönlichkeit in den Text und erweitere sie. Das Resultat ist eine Bereicherung, denn Wissen und Verständnis werden über den gerade gelesenen Text hinaus gemehrt, ganz egal ob es sich dabei Epik, Lyrik oder einen Sachtext handelt. Selbst wenn ich mich im Lesen nur ablenken oder unterhalten lassen möchte, es bleibt immer ein Quentchen Bereicherung.

Ein Allgemeinplatz: Bücher öffnen fremde Welten! Und siehe, er trifft zu. Ein Buch aufzuschlagen ist wie der erste Schritt zu einer neuen Reise. Lesen ist überhaupt die günstigste Methode zu reisen und zwar durch Raum und Zeit. Ich lasse Vertrautes hinter mir und erwarte Neues und Unbekanntes. Nicht immer werden bei diesen Reisen, wie beim realen Sommerurlaub auch, alle Erwartungen erfüllt. Doch wer mit offenen Augen reist, genau hinschaut, sich einläßt auf die fremde Umgebung, sich von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen befreit, wird doch immer reich beschenkt zurückkehren. Zu lesen heißt also, mit Gaben bedacht zu werden. Manchmal sind es nur Winzigkeiten die mich erfreuen, ein anderes mal große, wertvolle Geschenke, dieses wird lange gehütet wie ein Schatz, jenes schnell wieder vergessen. Aber unterm Strich bleibt immer ein Haben, niemals ein Saldo.

Ich greife zu einem sehr gewagten Bild: Lesen ist für mich eine Achterbahnfahrt durch die sieben Todsünden und die sieben Kardinaltugenden, eines der seltenen Felder, auf dem die römisch-katholische Glaubenslehre Physis und Psyche des Menschen halbwegs realistisch abbildet. Die Psychoanalyse hat zu Beginn des 20. Jahrunderts andere, genauere Begriffe für dieselben Phänomene gefunden. Die Literatur bietet die umfassenste Sammlung mit Gedankenspielen zur Seelenverfassung des Menschen. Sie zeigt dunkle und helle Seiten, Abgründe und Höhen, führt Exzess und Reinigung vor, stellt in Frage und postuliert. Idealerweise erledigt sie das fernab vom Körper und der Leser kommt um physische Schmerzen und reale Verletzungen herum.

Literatur als Gegenstand und das Lesen als Akt bieten die spielerische Möglichkeit, etwas auf Probe durchzuhandeln ohne einem konkretem Handlungszwang zu unterliegen. Dadurch weitet sich mein kognitiver und mein emotionaler Horizont. Diese Gedankenspiele fordern und fördern meine Vorstellungskraft, sie stärken meine geistigen Abwehrkräfte und lehren mich Mitleid und Mitfreude. Auch subjektive und/oder intersubjektive Normen und Konventionen kann ich frei reflektieren. Es liegt an mir, ob ich daraus gewonnene Erkenntnisse ins reale Leben übertrage oder nicht. Bereichernder ist es, das habe ich im Laufe vieler Lesejahre gelernt, die geistigen Exerzitien nicht mit dem Zuschlagen der Buchdeckel zu beenden und das Erlesene nicht ad acta zu legen.

Für mich ist Lesen niemals Flucht, sondern immer Expedition. Wer flieht, läßt alles zurück und gibt Vertrautes auf, sei es nun freiwillig oder gezwungen. In den seltesten Fällen existiert die Chance einer Rückkehr. Zu einer Expedition dagegen breche ich mit der festen Absicht auf, neue Erkenntnisse, neues Wissen, neue Eindrücke zu sammeln und, das ist entscheidend, wieder zurückzukehren. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die lesen, um widrige Umstände, Unzufriedenheit, Sorgen des Alltags hinter sich zu lassen und zu verdrängen. Das mag es berechtigterweise geben, aber ein solches Lesen erscheint mir als wenig nachhaltig, denn es verändert nichts und hat meist noch größere Ernüchterung als vorher zum Ergebnis.

Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?

Kafka hat recht, auch wenn er ein wenig übertreibt. Es muss nicht immer gleich ein Faustschlag sein. Es reicht manchmal auch ein kleiner Klaps, ein Stubser oder ein behutsames Anschieben: »Los, mach mal, komm in Bewegung.« Immer sollte Lesen eine Berührung sein, mal sanft, mal schmerzhaft. Und immer ist ein Buch ein Weckruf, mal ein sehr lauter, mal kaum zu vernehmen.

Natürlich wurde mir dieses Verhältnis zum Lesen und zur Literatur nicht in die Wiege gelegt. Es ist gewachsen und hat sich erst im Lauf des Lebens geformt. Lesen war zu Beginn Vorlesen. Die Gutenachtgeschichte gehörte zu meiner Kindheit, zum Glück. Auch wenn im Elternhaus Bücher und Literatur keine überragende Rolle spielten, so waren sie doch da als ein Unterhaltungsmedium in der Prä-TV-Ära. Als aus dem Vorlesen ein Selberlesen wurde, riss bei mir, anders als zum Beispiel bei meinem jüngeren Bruder, der Faden nicht ab, im Gegenteil. Ich knüpfte und flocht auf eigene Faust weiter, verschlang Kinderbücher stapelweise, schleppte anschließend gefühlt die halbe Stadtbibliothek nach Hause, frass mich durch die Bestände des elterlichen Bücherregals. Simmel, Konsalik, Vom Winde verweht; was ich heute eher als verschämte Lektüre bezeichnen würde, war damals große Welt. Später kamen die großen Brocken, die Herausforderungen. Krieg und Frieden noch aus dem Regal, vom Taschengeld erstanden anschließend Ulysses von Joyce; ich hatte gehört, das sei ein bedeutender Roman. Zum erstenmal spürte ich, Lesen kann auch überfordern und anstrengen. Doch diese Erkenntnis hat mich keineswegs abgeschreckt, sondern im Gegenteil bestärkt, weiterzulesen.

Die Neigung zu den Büchern ist geblieben und stetig gewachsen. Weder verpflichtende Schullektüren, noch überlange Leselisten in der Universität haben sie je verschüttet oder begraben. Auch als Pflicht blieb Lesen im wesentlichen ein Vergnügen. Steckt diese Lust aufs Lesen in den Genen, ist sie angeboren oder anerzogen, bleibt sie für immer oder kann man sie plötzlich verlieren? Ich weiß es nicht. Ich lese einfach weiter, fröhlich balancierend auf der Borderline zwischen bibliophil und biblioman. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Eine Linkliste mit allen Beiträgen findet sich hier auf Novelero – Blog für Literatur.