5 Comments

  1. Eva Jancak
    11. September 2015 @ 22:46

    Jetzt habe ich das Buch gelesen und glaube das Problem zu verstehen, denn es gilt ja leicht etwas als nicht literarisch, wenn zu realistisch ist und das hier Beschriebene ist auch noch brandtaktuell, wir befinden uns Mitten im Geschehen und da fehlt oder gibt es ja noch keine literarische Distanz.
    Meiner Meinung nach ist Jenny Erpenbeck diesem Problem ganz bewußt entgegengetreten, in dem es am Anfang so scheinbar distanziert wirkt, dann wirds persönlicher und der Held bezieht ja eindeutig Stellung, spendet Geld, gibt Deutschunterricht, organisiert Demonstrationen, etwas was man auch im “Spiegel” finden könnte oder in Ö1 bei den “Geschichten vom Helfen” und dann kommen ganz bewußt eingesetzte literarische Szenen, wie die, wo der Afrikaner während er seine Geschichte erzählt, den Boden hektisch aufkehrt und Richard reflektiert das erst in seiner Wohnung oder die, wo sich alle aufputzen, um zum Deutschunterricht zu gehen oder die mit dem Anwalt mit Zylinder und Bratenrock, das ist dann eindeutig nicht mehr journalistisch realsozialistisch oder die vielen literarischen Anspielungen oder auch nur die ständigen Wiederholungen “gehen ging gegangen”.
    Also mir hat es gefallen, ein bißchen war ich nur über die Weihnachtsszene irritiert, denn das ist jetzt schon die dritte, die ich lese, seit ich “Buchpreisblogge” und ich frage mich wieder etwas paranoid, ob das Zufall ist oder die Verlage, das von ihrem Autoren so verlangen, damit das Publikum zufrieden ist?

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  2. Claudia
    10. September 2015 @ 12:10

    Lieber Jochen,
    als ich im Frühjahr durch die Verlagsprospekte blätterte und diesen Titel gefunden habe, bin ich sehr neugierig auf das Buch gewesen, denn es gibt zum aktuellen Flüchtlings-Thema kaum oder gar keine deutsche Literatur. In Frankreich, in Italien finden sich ja schon eher Romane, vielleicht ist das “Problem” ja auch zeitversetzt zu uns gekommen.
    Ich stimme Dir völlig zu, dass Erpenbecks Roman gut ist, dass er viele Einblicke in die unterschiedlichen Geschichten der Flüchtlinge gibt, immer wieder aufzeigt, dass sie nicht leben konnten in ihren Heimatländern, weil es keine Arbeit gab, keine Möglichkeit zu überleben, oder weil eine Regierung in den letzten Zukcungen einfach einmal alle Ausländer im Boot über das Mittelmeer schickt – als menschliche Bombe sozusagen. Das sind die Geschichten, die uns die vielen Flüchtlinge näher bringen, sie menschlicher werde lassen.
    Aber: Du hast es so treffend als “Überhöhung” beschrieben: Diese Flüchtlinge sind alle sehr gute Charaktere. Außer einem, der abdriftet, verhalten sie sich alle vorbildlich, haben kaum Ecken und Kanten, kaum dunkle Stellen in ihrer Persönlichkeit. Es gibt auch in der engsten Enge keinen Streit, keinen Neid, kaum Ausbrüche, alle leben so friedlich und gemeinsam vor sich hin, dass es schon erstaunlich ist.
    Ich habe den Eindruck, Erpenbeck will eher die bürokratische Unmenschlichkeit schildern, die Ausweglosigkeit, die der Paragrafendschungel diesen Menschen bereit hält (es ist ja wirklich teilweise wie im Panoptikum, und alle Regeln dienen nur der Abschottung und der Abschreckung). Mit scheinen die Gesetzte ein wesentlicher Protagonist zu sein, der böse Gegenspieler eben, hinter dem sich alle Menschen verstecken (das haben wir ja auch schon einmal erlebt). Dem stehen eben die recht angepassten Flüchtlinge gegenüber.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. skyaboveoldblueplace
    9. September 2015 @ 13:55

    Lieber Jochen,

    ich finde es gut und wichtig, dass dieses Thema auch literarisch aufgenommen und verarbeitet wird, insbesondere von jungen deutschen Autoren. Wenn das dann eben literarisch nicht völlig gelungen ist, finde ich es erstmal halb so schlimm. Offensichtlich schien Dir ja zumindest in diesem Fall zumindest die erste Hälfte sehr gelungen. Bei Büchern mit weit über 352 Seiten zu aktuellen Themen ist es ja oft so (auch bei Sachbüchern ist das schon mal so), dass weniger mehr gewesen wäre.

    Generell ist es in meinen Augen nicht völlig verwunderlich, dass Bücher, die solche Themen (wir kenne das vom 2.Weltkrieg, von der Verarbeitung der Nazizeit, vom Vietnamkrieg) aufgreifen, häufig mit grösserem zeitlichen Abstand geschrieben wurden – und dann auch mehr in der Lage sind, in die Tiefe zu gehen.

    Auf jeden Fall würde das Buch auch prima zum Leseschwerpunkt II: Flucht und Entwurzelung https://dasgrauesofa.wordpress.com/2015/09/06/leseschwerpunkt-ii-flucht-und-entwurzelung/ von Claudia auf dem Grauen Sofa passen.

    Danke für die profunde Besprechung und schöne Grüsse
    Kai

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    • Jochen Kienbaum
      9. September 2015 @ 15:40

      Hallo Kai,

      danke für Dein Feedback. Es ist, wie ich im letzten Absatz ja deutlich betont habe, ein richtiges und wichtiges Buch. Da es zum “Deutschen Buchpreis” nominiert ist, habe ich mir erlaubt, hohe literarische Kriterien anzulegen. Und da schwächelt Erpenbecks Text dann doch.

      Aber, es ist lesenswert und lohnt.

      lg_jochen

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  4. Eva Jancak
    9. September 2015 @ 13:04

    Habe gerade mit dem Lesen angefangen, bin gespannt, wie es mir mit diesem brandaktuellen Thema, das einem ja überall begegnet und nach “89/90” damit geht

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