Schutzumschlag? – Weg damit!

Das Schicksal spielte mir neulich ein kleines, wunderschön gestaltetes Büchlein in die Hände, das mich durch Inhalt und Aufmachung sofort in seinen Bann schlug.

S-Bahn nach Arkadien

Gleich zu Beginn der Lektüre stieß auf die folgenden Sätze:

Leider ist auf Kosten der heutigen farbenprächtigen Schutzumschläge der Einband, das eigentliche Kleid des Buches, oft arg vernachlässigt worden. Viele Leser huldigen, vielleicht daher, der Unsitte, die Schutzumschläge aufzubewahren und die Bücher mit ihnen in den Bücherschrank zu stellen. Ich begreife das noch, wenn der Einband dürftig oder gar häßlich ist: doch gehören Schutzumschläge in den Papierkorb wie Zigarettenschachteln.
(Jan Tschichold, 1946)

In dem Buch wird diese Erkentniss wiederum von Judith Schalansky zitiert und knapp abgeschlossen mit: „Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Dem wiederum kann und will ich auch nichts hinzufügen. Denn wenn ich mir in der Buchhandlung meines Vertrauens die ausgelegten Druckwerke betrachte, muss ich Herrn Tschichold Recht geben und Frau Schalansky auch.

Bei dem kleinen Büchlein, aus dem diese Erkenntnis stammt, handelt es sich um eine (die) kleine Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Literarischen Colloquiums am Berliner Wannsee. Zum Jubiläum wurden weder lange noch tiefschürfende Elogen verfasst, sondern kurze Wörterbucheinträge. Eingesammlet wurden sie bei den Autorinnen und Autoren, die im Colloqium am Sandwerder gearbeitet und gelebt haben, in jener verwinkelten Gründerzeitvilla direkt am Ufer des Wannsees. Und weil sie gerne dort waren, haben sie sich gerne auf das kleine Wörterbuchspiel zum Jubiläum eingelassen.

Heraus gekommen ist so ein entzückendes Wörterbuch, das in all seinen Lemmata den Reiz dieses Arkadien am Wannsee preist. Zwischen die Lexikonbeiträge wurden Bildstrecken eingeflochten mit Fotos von Renate von Mangoldt und Tobias Bohn. Die zeigen das Leben, Arbeiten und Feiern im LCB in allen Facetten. Eine wunderschöne Zeitreise und ein Wiedersehen mit vielen bekannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Seit 50 Jahren hat die Literatur ihr lauschiges und inspirierendes Plätzchen am ruhigen Rande Berlins, hat die Literatur ihr Arkadien; und wer dort, wider Erwarten, plötzlich den Trubel vermissen sollte, ist mit der S-Bahn schnell wieder in der quirligen City.

S-Bahn nach Arkadien

Weil das Buch im handlichen Kleinoktav von Judith Schalansky gestaltet wurde, hat es natürlich einen schönen griffigen Leineneinband, ist fadengeheftet, abwechselnd auf hellblauem und weißen Papier gedruckt und muss auf einen Schutzumschlag verzichten.  Sehr gut!

S-Bahn nach ArkadienS-Bahn nach Arkadien
Das Literarische Colloqium Berlin in Wort und Bild
Kleinoktav, leinengebunden, 216 Seiten
Berlin: Matthes & Seitz 2013
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