Abschied von Günter Grass

Günter Grass ist tot. Er starb am vormittag im Alter von 87 Jahren in Lübeck. Er war einer, von dem wir glaubten, er bliebe für immer. Doch nun rührt der große Mahner seine Trommel nicht mehr, er ist verstummt. Auch ich werde ihn vermissen.

Günter Grass
Günter Grass (16. Oktober 1927 – 13. April 2015)

Wegzehrung

Mit einem Sack Nüsse
will ich begraben sein
und mit neuesten Zähnen.

Wenn es dann kracht,
wo ich liege,
kann vermutet werden:

Er ist das,
immer noch er.

Aus: „Fundsachen für Nichtleser“, 1997

Er bleibt mir in Erinnerung als ein Mann, der niemals schwieg, wenn er Unrecht witterte. Günter Grass hat sich eingemischt, er fand es nicht verwerflich, sich in Wahlkämpfe für Willy Brandt und die SPD zu werfen. Er, der aus Danzig Vertriebene hat sich früh für die Versöhnung mit Polen eingesetzt und für eine Politik des Vertrauens, ohne dabei die Schuld der Deutschen zu vergessen. Nicht immer hatte er die überzeugensten Argumente, doch er vertrat seine Meinung immer mit Verve, selbst wenn ihm das heftige Kritik einbrachte, wie unlängst, als er in einem Gedicht Israel der Bedrohung des Weltfriedens bezichtigte.

Noch stärker bleibt er mir im Gedächtnis als großer Schriftsteller. Da ist natürlich vor allem Anderen Die Blechtrommel, sein in 23 Sprachen übersetzter Welterfolg, untrennbar verbunden mit den Bilder der oscarprämierten Verfilmung von Volker Schlöndorf. Grass gehörte zu der Generation von Schriftstellern, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die Kraft und Wucht der deutschen Sprache entdeckte. Deftig und prall, lebensnah und direkt hat er geschrieben, aber auch zärtlich und melancholisch. Grass hat mit den Wörtern gespielt, die Sprache wieder in Freiheit gesetzt, die zurückgenommene Kargheit der Halbgeneration vor ihm, hinter sich gelassen. Schreiben wie er konnten Böll, Eich oder Schnurre noch nicht, sie, die vom Krieg und vom Missbrauch der Sprache traumatisierten. Mit der Danziger Trilogie, Romanen wie Der Butt und Die Rättin hat er tragende Pfeiler in die deutschsprachige Literatur eingezogen. Auch deshalb wurde ihm 1999 der Nobelpreis für Literatur zurecht verliehen. Er war eine enorm wichtige Stimme, auch wenn ihm das zuletzt nicht mehr sehr viele offen zugestehen wollten.

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen Grass mehrmals in kleinerem Kreise persönlich begegnen zu dürfen. Sein oft bärbeißiges Auftreten war ein Spiel, eine von ihm sehr geliebte und gerne übernommene Rolle. Grass war ein freundlicher Mensch und ein aufmerksamer Zuhörer, und unter seinem großen, dunklen Schnauzer hat er gerne und viel gelacht.  Nun ist der große Mensch und Künstler von uns gegangen. Doch Günter Grass bleibt auch, in seinen Romanen, seinen Erzählungen und Gedichten, in seinen Grafiken, Gemälden und Skulpturen.