merk=würdig (XII) – »Punkt und Linie zu Fläche«: Die legendären Bauhausbücher

Der Architekt Walter Gropius hat 1919 in Weimar das Bauhaus gegründet. Ziel der Einrichtung sollte es sein, die materielle Welt mithilfe der Einheit aller Künste zu reimaginieren und neu zu formen. Im Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar forderte er eine (damals utopische) Gilde von Künstler-Handwerkern, die Architektur, Skulptur und Malerei in einen gemeinsamen Ausdruck zusammenzuführen hätten, um darauf aufbauend Künstler und Designer zu unterrichten, die dann in der Lage wären, ebenso nützliche wie schöne Dinge des Alltags zu entwerfen. Eine neue Art zu leben wurde etabliert.

Das Bauhaus führte die bildenden Künste und die Lehre der Gestaltung, also das, was wir heute gemeinhin Design nennen, zusammen. Es wurden umfangreiche Lehrprogramme entworfen, die Studenten an die neue Form der Lebensgestaltung heranführen. Es gab Unterrichtsklassen für Textildesign und Weben, Keramik, Teppiche, Metallarbeiten, Graphik und Druck, Glas, Wandmalerie, Holzverarbeitung und Theater. Schnell zog das Bauhaus bedeutende Künstler in seinen Lehrkörper: unter ihnen Johannes Itten, Lázló Moholy-Nagy, Josef Albers, Paul Klee und Wassily Kandinsky.

Die Bauhauslehrer
Der Bauhaus-Lehrkörper in Dessau – Von links: Albers, Scheper, Muche, Moholy-Nagy, Bayer, Schmidt, Gropius, Breuer, Kandinsky, Klee, Feininger, Stölzl, Schlemmer.

Nachdem das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau umgezogen war, erschienen in loser Folge im Albert Langen Verlag München die Bauhausbücher. Sie waren grundlegende Aufsätze und didaktisches Material zugleich. Nicht nur rückblickend, gewissermaßen als historisches Material, sind diese Texte interessant, einige sind auch heute noch überaus lesenswert und lehrreich. Alle, die grundlegende Anregungen und Überlegungen zur Gestaltung anstellen, sei es in Zeichnung, Graphik oder Druck, finden hier fundamentale Analysen und Anleitungen.

Die Bauhausbücher
Drei der legendären Bauhausbücher – auch heute noch lehrreich und lesenswert

Die Bauhausbücher werden antiquarisch teuer gehandelt, weil selten und gefragt. Die Bibliothèque Kandinsky (Centre Pompidou, Paris) stellt von einigen der Bauhausbüchern Faksimile-Scans als PDF zur Verfügung. Monoskop.org hat hier alle Links gebündelt und veröffentlicht.

Die Bauhausbücher zum Download – Liste auf monoskop.org

Ich persönlich bin besonders gern und tief eingetaucht in Punkt und Linie zu Fläche von Wassily Kandinsky und in Pädagogisches Skizzenbuch von Paul Klee. Klee unterrichtet von 1921 bis 1931 am Bauhaus. Quelle für seine Lehren waren Notizen und Skizzen, in denen er über Jahre hinweg seinen Stoff entwickelte und didaktisch aufbereitete. Auf mehr als 3.900 Seiten Umfang wuchsen Klees Notizbücher an.

Paul Klee - Notizbücher
Die Notizbücher von Paul Klee – Seine Principia Aethetica

Das Zentrum Paul Klee in Bern hat sie öffentlich verfügbar gemacht, jeweils im Faksimile und in diplomatischer Umschrift. Hier taucht man ein in Klees Methode des Zeichnens und Entwerfens, seinen Vorstellungen von Komposition und Rhythmus. Diese Quelle für Paul Klees Principia Aethetica ist ein Muss für Kunstliebhaber.

Die Notizbücher von Paul Klee im Faksimile 

Walter Gropius legte 1928 die Leitung des Bauhaus, drei Jahre nach dem Umzug nach Dessau, in die Hände des Architekten Hannes Meyer. Er trat nur zwei JAhre später unter dem wachsenden Druck der rechtsgerichteten Regierungskräfte am Ort zurück und übergab den Stab an Mies van der Rohe. Das Erstarken der Nationalsozialisten und eine zunehmend prekäre Finanzlage führten im September 1932 zur kurzzeitigen Umsiedlung (und Verkleinerung) der Schule nach Berlin. Doch der Druck der Nazis wuchs unaufhörlich. 1933 löste sich das Bauhaus auf. Viele Schlüsselfiguren des Bauhaus emigrierten in die USA, um dort weiter zu arbeiten und zu lehren.

(Dieser Artikel wurde angeregt von Hinweisen auf Open Culture)

[Die lose Reihe »merk=würdig« widmet sich Büchern, die aus ganz unterschiedlichen Gründen einen besonderen Platz in meiner Lesebiographie und in der Bibliothek einnehmen. Es sind Werke die würdig sind, bemerkt zu werden.]