»100 Sekunden Groll« – Eine Klagenfurter Polemik

Das Wettlesen ist vorbei. Vor der Jury liegt jetzt noch eine schwül-warme Nacht, in der hitzig-schwitzig die/der Siegerin/Sieger ausdiskutiert werden darf/muss. Am Sonntag um 11 Uhr haben wir dann Gewissheit. Augenblicke später sind die Tage der Deutschen Literatur aka Bachmannpreis 2015 bereits wieder Geschichte. Wie war’s also heuer? Eine kleine Polemik, laut und im Stakkato vorgetragen 100 Sekunden lang, das ist auszuhalten.

Klagenfurt, ach, Klagenfurt …

Bachmannpreis 2015 - ORF
Foto ORF/Johannes Puch

Erstens war es zu heiß in diesem Jahr, dafür ist freilich niemand persönlich verantwortlich. Zweitens war es irgendwie langweilig. Und da dürfen sehr wohl Verantwortliche gesucht werden. Doch, der Reihe nach. Das Ritual ist überkommen, Autor_innen auf dem Präsentierteller, die sieben Juror_innen schräg gegenüber, bemüht eine raubtierartige Lauerstellung lässig zu verbergen. Doch anders als bei Großkatzen wird hier nach dem Lauern selten gerissen. Ambition und klare Kante zeigt lediglich Neuzugang Klaus Kastberger (ein Gewinn), allenfalls gefolgt von Juri Steiner, allerdings mit bereits gehörigem Abstand. Kastberger argumentiert launig, unvorhersehbar und wirft viel Persönlichkeit in seine Kritik. Alle anderen, ausser Steiner ab und an, drechseln und schrauben wohltönende Phrasen vom Elfenbeinturm herab. Niemand bringt den Mut auf, schlecht zu nennen, was schlecht ist und Mittelmaß, was Mittelmaß ist. Ein Ritual der Altvorderen, so scheint’s, das verdammt ist, Regeln einer Kritik zu folgen, die in unzähligen Debatten längst als ad acta zu legen verurteilt wurde. Hat das der Jury niemand mitgeteilt? Ein Applausometer wäre toll, das würde schlecht vorgetragene Texte bestrafen, gut vorgetragene belohnen. Mehr Performance wäre gefragt, mehr Entertainment. Nora Gomringer hat gezeigt, wie gut das funktioniert (hier zu sehen). Eine wie Valerie Fritsch wäre dann natürlich im Hintertreffen. Sie zauberte einen formidablen Suhrkamp-Jungautorinnen-Text aus dem Hut, hat den aber leider hundsmiserabel vorgetragen (hier zu sehen). Den Einwand, es käme doch letztlich nur auf den gedruckten Text an, lasse ich nicht durchgehen. Warum dann noch tagelang vorlesen? Überhaupt sollten nur noch Frauen antreten in Klagenfurt. In diesem Jahr waren es 10 von 14, im kommenden Jahr wird die Vollquote erreicht, hurra. Jung sollten sie natürlich sein, die Literatinnen, selbstbewußt, ein wenig rumpelstilzchenhaft und provozierend (notfalls allein durch Anwesenheit). Die schreiben dann alle über Kotze, den Tod, Auswürfe und Körperflüssigkeiten aller Art, über Sex mit sich selbst (und gegen andere), über den Weltuntergang und über Irre natürlich. Ronja von Rönne (als It-Girl der Branche, als Boxenluder des Literaturbetriebs) hat in diesem Jahr gewissermaßen dazu den Versuchsballon gestartet. Als sie las, waren plötzlich alle wieder wach, kurz, wenn auch der messbare Erfolg am Ende mäßig ausfiel (hier zu sehen). Aber wenigstens verzichtete Rönne auf das manirierte und verquaste Porträtfilmchen vorab. Alles nur gehyptes Kalkül, kalkulierter Hype? Besonders auffällig am Rande übrigens: Am dritten Tag kramen überraschend viele Beobachter plötzlich Reminiszenzen vergangener Tage hervor, Best-of-Klagenfurt-Listen und Damals-war-alles-besser-Zwischenrufe kursieren im Netz und natürlich taucht der Herzblut verströmende Rainald Goetz aus der Versenkung auf (auch bei mir!). Sind/waren das Zeichen des Widerstands gegen die aktuelle Preisrunde, eine Attacke gegen die Langeweile oder ist das ein Ausdruck der Hoffnung auf mehr und bessere Sensationen im kommenden Jahr? Ich weiß es nicht. Teresa Präauer war noch mal richtig gut (hier zu sehen) und nun ist es vorbei. Wer immer morgen gewinnt, hat es verdient (oder auch nicht) und 2016 geht’s von vorne los und wir schauen wieder zu (oder auch nicht).

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Nix für ungut, Leute. Ein wenig Spaß gemacht hat’s schon, trotz allem.

(Edit: nach 15 Minuten online nochmal etwas nachpolemisiert.)