So bin ich denn unwürdig? – Bekenntnis eines »Buchpreisbloggers« ohne Meriten

16. August 2015

O Brüder und Schwestern, vernehmt die Worte eines irregeleiteten Sünders. Ich habe gefehlt und bereue. Ich bekenne ich bin ein Buchpreisblogger ohne Meriten. Brüder und Schwestern, ich habe nicht richtig gelesen, die Worte der Preisträger nicht ausreichend studiert und in meinem Herzen bewegt. Seit 10 Jahren wird es uns verkündet, welch Buch »das beste in deutscher Sprache« sei, doch ich habe die Mahnungen der Propheten in den Wind geschlagen, ihr Saatgut fiel bei mir auf kargen Boden, verdorrte und wurde verblasen.  Warum also sollte ich wert sein, Brüder und Schwestern, itzt im erlauchten Kreise der Buchpreisblogger die Stimme zu erheben, zu sprechen und laut zu urteilen?

Sie, die hochwohlgeborenen Ältesten, die gewählt wurden in den hohen Rat der Jury, nannten mir bisher 200 Bücher auf der Langen Liste, 60 auf der kurzen und hielten mir hin 10 gepriesene Werke, die mich tief berühren sollten. Doch sie erreichten mein Herz nicht, ihre Botschaften blieben mir verschlossen.

Dunkel und wirr überrumpelten mich die angeblich »zeitdiagnostischen und bewegenden« Nachrichten vom Ungeheuer der Terézia Mora, so dunkel, dass ich die Orientierung verlor und aufgab bei meiner Suche nach Wahrheit. Das liegt zwei Jahre zurück. Noch ferner in der Vergangenheit, im Jahre des Herrn 2008, habe ich versucht, Schwestern und Brüder, die Worte Uwe Tellkamps in Der Turm in mich aufzunehmen, aber das versunkene und vergangene Dresden und die Nöte der gebildeten Bürger dortselbst blieben mir fern in dieser zähen und langatmigen Beschreibung. Die Mär von der Mittagsfrau, aufgezeichnet von Julia Franck und ausgezeichnet im Jahre des Herrn 2007 gab ich ungelesen weiter an mein treulich Mütterlein, denn sie schätzt wohl derartige, erbauliche Schriften über die Zeit nach dem großen Weltkriege II, meine Leseseele dagegen bewegte Frau Franck ebenso wenig wie ein Anno zuvor Frau Hacker und ihre Habenichtse.

Stetig und mit eifrig bemüht habe sie wohl studiert die Listen des Ältestenrat, habe gesehen, wie die Händler Tische und Schaufenster dekorierten mit den erwählten Schriften. Dort habe ich Anno per Anno, durchaus mit weit geöffnetem Herzen, in ihnen geblättert und gelauscht auf eine Verbindung. Aber sie stellte sich nicht ein. Zu viel gesprochen wurde mir von den Nöten und Sorgen der Paare und Familien, von den zeitgeschichtlichen Krisen im Irak, Afghanistan und Jugoslawien. Es raunte mir vielmals der Teufel zu: das sind Gesänge wie sie gekonnt und melodisch auch angestimmt werden könnten in einem Dossier der Epistel Die Zeit oder auf der Seite 3 der Postille Die Süddeutsche Zeitung. Dort, so stachelte mich der Teufel fürderhin an, sei die Nähe zum Alltag weit vortrefflicher aufgehoben, und er senkte mir den vergifteten Stachel ins Herz, der mich glauben und wissen ließ: die Schriften auf den Listen lassen vermissen die große literarische Qualität, und wecken meine Neugier, mein Interesse nicht. Ach, wie exemplarisch und zutiefst ermüdend war es auch, immerzu und in Schall und Gesumm ohn End, zu vernehmen der Rapsoden Gesänge über das benachbarte Land der Deutschen Demokratischen Republik, das untergegangen war in Kapitalismus und D-Mark und doch nimmermüd in den Köpfen der Menschen herumspukte, ihre Herzen verwirrte und sie streben ließ, die deutschen Zeitläufte zu erfassen. Ich weissage Euch, o Brüder und Schwestern, auch heuer wird Peter Richter mit seinen Melodien und Versen im Werke 89/90 großes Gehör finden beim Rate der Auswählenden, Amen.

Was, liebe Brüder und Schwestern, verstockte mein Herz? Wer hielt mich fern vom tiefen und angeregten Studium der Schriften auf den Listen und der Werke der Gepriesenen? Ach, es waren zuvörderst die Apostel Babylons, deren Worte in fremder Zunge mir willfährige Übersetzer nahebrachten. Sie ließen mich schweifen und lenkten meinen Weg auf auswärtige Pfade, so ich doch wandeln sollte auf der Straße der deutschen Sprache und ihrer aktuellen Literatur. Ich lauschte dagegen den Gesängen von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß, Thomas Pynchons Gegen den Tag und William T. Vollmanns Europe Central, ich ließ mich verführen von Jonathan Littels Predigt in Die Wohlgesinnten, wagte mich ins Dunkel der Sprache mit Mark Z. Danielewskis Das Haus und goutierte die gestalterischen Eskapaden in Only Revolutions. Oder ich studierte die alten Schriften des James Joyce, des William Gaddis, versenkte mich ins knappe, aber mir weise erscheinende Gestammel des Samuel Beckett. Legion ist die Zahl der schreibenden Männer und Frauen im weiten Weltenrund, und sie hielten die mich fern von der in deutscher Zunge redenden Jüngerschaft, welche lebend noch unter uns weilt. Die toten Dichter aber, wortmächtig und gerühmt, gereichen mir stets zur Erbauung und spenden mir allzeit Trost. (Ich nenne aus dem Kreise der großen Propheten stellvertretend nur Moritz, Hölderlin, Hoffmann, Fontane, Mann, Kafka…) Und, halleluja, »believe, dead poets are not always dead;«, immer wieder weissagte mir der tote Haide-Dichter Arno Schmidt aus seiner großen Offenbarung in Zettel’s Traum und anderen vieltausendseitigen, wortreich-gewandten Schriften. All das was sie mir raunten, fand ich nicht auf den Büchertischen der Buchpreis-Gelisteten, ich vermisste dorten schmerzlich das Verrückte, den gewagten Versuch, das literrarisch wahrhaft herausfordernde, den großen Wurf. In der Regel fehlten mir sündigem Leser und Bücherfresser die »wahrhaft dicken Dinger«, um es mit Worten auszudrücken, die dem einfachen Volke geziemen.

Ja doch, Ich hätte recht getan, bekräftigten mich die beckmesserischen Merker und Kritikaster ausserhalb des erlauchten und erleuchtetenden Kreises der Buchpreisgemeinde. Sie verdammten die Auswahl der Schriften, den Kanon der »besten Bücher in deutscher Sprache« von Anbeginn an. Hier seien die gefallenen Engel der Geldgier am Werke, die Händler und Wechsler im heiligen Haus der Literatur, denen der Mammon mehr gälte als die kunstvolle Kraft der Worte, die den Verkauf und ihren Umsatz höher stellen als die Herausforderung der lesenden Gemeinde. Ich glaubte ihnen vorschnell und ohne eigenes Ansehen.

Im Jahre des Herrn 2014 trat ich zuletzt in Eure Mitte, mischte mich unter die Schar der Buchpreisgläubigen und gelobte Besserung. Als Mann, dessen Glaube an die Literatur erst wenige Monde zuvor erneut entfacht wurde und der als eifriger Evangelist die Segensbotschaft der frommen »Lust aufs Lesen« im weltweiten Netz verbreiten will, verschaffte ich mir eilfertig die verkürzte »Frohe Botschaft« des Buchpreises, dargeboten als Gemeindebrief unter dem Titel »Die Lesproben«. Ich nahm sie auf, alle, doch keine rührte mein Herz, zum wiederholten Male erlitt ich einen Rückschlag im Glauben und tat dies öffentlich kund. Lest es hier, Schwestern und Brüder. Wieder tauschte ich die notwendige Vertiefung ins originale Werk gegen die kurzen Notate und Schriftauslegungen, die ich in den gedruckten Tageblättern vorfand oder in den wöchentlchen Journalen. Und sehet, das befriedigte meine Seele in ausreichendem Maße und auch die Seelen vieler anderer Kleingläubigen, die mit mir wandelten. Ein Frevel, fürwahr. Oder nicht?!

Ganz selten nur wurde mein Herz wahrlich gerührt. Thomas Hettche vermochte das mit seiner Pfaueninsel, das der Ältestenrat der Jury in die kurze Liste aufnahm und mit den Worten pries: »Am Beispiel der kleinwüchsigen Marie, die zwischen den Befreiungskriegen und der Restauration, zwischen Palmenhaus und Menagerie, Gartenkunst und philosophischen Gesprächen aufwächst und der königlichen Familie bei deren Besuchen zur Hand geht, erzählt Thomas Hettche von der Zurichtung der Natur, der Würde des Menschen, dem Wesen der Zeit und der Empfindsamkeit der Seele und des Leibes.« Das, liebe Gemeinde, klang für mich verlockend nach »wahrer Literatur« und das Studium des gesamten Werkes erquickte meine Seele, wie selten eine Schrift zuvor. Doch ihm wurde verwehrt, erhöht zu sein über alle anderen. Diese Ehre gebührte letztlich Lutz Seiler mit Kruso und, o Schmerz, schon wieder erörterte einer die Geschicke der Menschen in der DDR.

Die Buchpreisblogger

Alles das, liebe Geschwister im Geiste, liegt weit hinter uns, die Zeiten schreiten voran und in dieser Stunde gilt es den kommenden Herausforderungen unverzagt entgegenzutreten. Der Rat der Alten und Weisen, die erhabene Jury, wird uns, der gläubigen und frohgemuten Gemeinde, in bälde kredenzen die Lange Liste für das laufende Jahr des Herrn 2015.  Hiermit gelobe ich feierlich vor der versammelten Schar der auserwählten »Buchpreisblogger«, meinen Mitstreitern, und vor der gesamten Gemeinde, allen Hochmut fallen zu lassen, alle Zweifel von mir zu werfen, den Einflüsterungen des Teufels zu widerstehen und diese Liste vorbehaltlos anzunehmen und zu prüfen. Nicht Dünkel und Hochmut, noch Schläfrigkeit und Langeweile sollen mich abhalten davon, mir die erwählten Schriften zum Vorteil und Nutzen gereichen zu lassen, sie eifrig zu studieren und mit Worten zu wiegen und zu richten.

So knie ich denn vor Euch und rufe aus: Bedenkt, selbst wenn ihr mich verstoßen müsstet als Buchblogger ohne Meriten, als eitel und unwert, so hoffe ich inständig als bußfertiger Mensch, Eure Gnade und Vergebung zu finden.  Lasst uns im laufenden Jahr des Herrn die Losungen der Listen studieren, die lange wie die kurze, vereint und in gerechtem Streit, ohne einander zu verletzen, bis am Ende die Verkündung naht, der 12 Tag im 10. Monat des Jahr des Herrn 2015. Halleluja und Amen.

 

Wenn ich Schatten euch beleidigt,
Oh, so glaubt – und wohl verteidigt
Bin ich dann! – Ihr alle schier
Habet nur geschlummert hier
Und geschaut in Wahngesichten
Meines wirren Hirnes Dichten.
Wollt Ihr diesen Bloggertand,
Der als glossig Posting schwand,
Liebe Leut, nicht gar verschmähn,
Sollt ihr bald was Bessres sehn,
Wenn ich albern Beichtstuhlzischen
Unverdienterweis entwischen,
So verheißt euch lustauflesen
Bald im Geiste zu genesen:
Bin ein Schelm zu heißen willig,
Wenn dies nicht geschieht, wie billig.
Nun seis vorbei; Das Spiel zu enden,
begrüßt mich mit gewognen Händen!

Abbildungen: L’Eglise Notre Dame, Metz – (Ministère de la Culture, France; Wikimedia Commons) | Beichte auf der Hallig Oland, Zeichnung von J. Alberts (Scan aus einer Künstlermappe; Wikimedia Commons) | Beichte, Zeichnung von Philipp Schumacher, Katholisches Religionsbüchlein (Wikimedia Commons)