merk=würdig (xiv) – Ein treuer Weggefährte ist still verschieden

Ein treuer Begleiter des Leselebens ist gestorben. Still und leise ging er, schlich sich beinahe verstohlen fort. Ich habe es kaum bemerkt, aber neulich fiel es mir dann doch auf. Ich wollte  Arno Schmidt von Wolfgang Martynkewicz nachordern, mein Exemplar war arg zerfleddert, doch Band rm484 aus der Reihe rowohlts monographien ist nicht mehr lieferbar.

Die Rowohlt Monographien
Einige »Monos« aus dem Bestand von »lustauflesen.de«

Der offizielle Titel lautete gleichbleibend: <Vorname Nachname> mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von <Vorname Nachname>. Liebevoll wurden rowohlts monographien gerne auch »Romonos« oder »Monos« genannt, und sie sind über Jahrzehnte hinweg Schülern, Studenten und interessierten LeserInnen, sind auch mir als erste, informative Quelle dienlich und unverzichtbar gewesen. Fundierte Texte, exakte Zeittafeln und Werkverzeichnisse, treffende Bildauswahl und ein solides Literaturverzeichnis, das verläßliche Basisdaten lieferte, um »weiter zu forschen«. Das Verhältnis von Preis, Umfang und Gehalt war, bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen abgesehen, stets optimal.

Ins Leben gerufen hat die Reihe 1958 Kurt Kusenberg, betreute sie zusammen mit Klaus Schröter bis 1989, danach übernahmen Wolfgang Müller und Uwe Naumann den Staffelstab. Die Matrix für die ersten Bände (Kleist, Shakespeare, Hamsun, Saint-Exupéry) lieferte noch die (mittlerweile ebenfalls eingestellte) Serie Écrivains de toujours der Editions du Seuil. Rasch allerdings emanzipierte sich Kusenberg davon, schon allein weil er sich nicht auf SchriftstellerInnen beschränkte, sondern auch Künstler, Philosophen, Naturwissenschaftler, Politiker, gekrönte, gewählte und selbsternannte Herrscher, Persönlichkeiten der Zeitgeschichte mit eigenen Bänden würdigte. Im Jahr 1999 bekam die Reihe, deren Satzspiegel bis dato recht eng und die Abbildungen schwarzweiß waren, ein neues Design verpaßt. Nun waren neuere »Monos« vierfarbig und die älteren wurden sukzessive überarbeitet oder ersetzt. (Allerdings sorgte das lockere Layout auch für insgesamt weniger Textinhalt. Auch der Titel wurde eingekürzt auf: <Vorname Nachname> dargestellt von <Vorname Nachname>.) Im kommenden Jahr hätten wir den 60. Geburtstag der großartigen Reihe feiern können. Doch der Rowohlt Verlag hat die »Monos« leider eingestellt und »still und heimlich beerdigt«. Warum? Was ist geschehen?

Die Rowohlt Monographien
Links das alte, graue Layout, rechts das neue, locker-farbige.

 

Wie so oft ist die Ursache für den Tod einer geliebten Buchreihe wirtschaftlicher Natur. Die Verkaufszahlen waren zuletzt rapide gesunken, irgendwann war die verlagswirtschaftliche Nulllinie erreicht und der Todestoß unausweichlich. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, hieß es aus Reinbek, so sehr das alle bedauerten. Einer der Gründe für den Absturz: Wikipedia und andere Online-Quellen haben das gedruckte Wort abglöst, zumindest, wenn es um schnelle biografische Fakten, Lebensleistungen und die Einordnung in historische, wissenschaftliche oder kulturelle Zusammenhänge geht. Auch die Bibliotheken und Stadtbüchereien verzeichneten sinkende Ausleihzahlen. Wenn Bücher selten nachgefragt und genutzt werden, so will es ein (fragwürdiges?) Prozedere, werden sie auf Streichlisten gesetzt und schließlich aus den Beständen entfernt, selbst wenn die Inhalte immer noch verläßlich und nutzbar sind. Die Kunden, so argumentieren die Bibliotheken, wollen es so.

Ganz ehrlich? Ich meine, Wikipedia und andere digitale Quellen können den Rowohlt-Monographien nicht wirklch das Wasser reichen, insbesondere wenn es um Genauigkeit, und Eleganz der Darstellung geht. Sind Tiefe und Eleganz bei Schülern und Studenten, bei interessierten LeserInnen heute nicht mehr gefragt? Ich vermag das hier nicht abschließend zu beurteilen. Bezeichnend ist jedoch, dass auch der Versuch gescheitert ist, die Reihe unter dem Titel Monographie digital und mit niedrigem Preis versehen am Leben zu halten. Die digitalen Monos verzichteten allerdings auf jegliche Bebilderung; die rechteklärung sei zu kompliziert und schwierig, ließ der Verlag mitteilen. Nun werden letzte Restauflagen der gedruckten Bände noch verkauft, dann ist Schluss. (Hier steht, was noch vorrätig ist.)

 

Was bleibt? Wer wie ich seine »Romonos« über alles mag und nicht auf sich verzichten möchte, der hege die heimischen Bestände und gehe, um schmerzliche Lücken zu füllen, beizeiten auf die Jagd in Buchhandel und Antiquariat nach fehlenden Bänden. Wie gesagt: Restposten einzelner Titel sind noch lieferbar.

Beeindruckend jedenfalls sind die Zahlen! Ingesamt sind 650 deutschsprachige Bände erschienen, Gesamtauflage: rund 20 Millionen Exemplare. Die dafür verarbeitete Papierbahn ist 38.000 km lang, reicht also fast einmal um den Aquator. Stapelt man alle »Monos« übereinander, erreichen sie die stolze Höhe von 144 Kilometer (sechzehnmal so hoch wie der Mount Everest. Einen Güterzug mit 161 Waggons könnten sie locker füllen. Mit einer deutschen Gesamtauflage von 450.000 verkauften Exemplaren liegt übrigens die Brecht-Monographie nach wie vor an der Spitze. Und das sind nur die Daten aus dem Jahr 1998, da dürften bis heute einige Tonnen und Kilometer hinzugekommen sein. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Mich persönlich schmerzt es, dass die »Monos« nicht mehr fortgeführt werden. Sie haben mir nicht selten als handlicher Schlüssel erste Türen zu Leben und Werk von Schriftsellern, Künstlern und Musikern geöffnet, und zuverlässig dienten sie mir immer aufs Neue mit schnellen Informationen und Anregungen zu vertiefender Beschäftigung. Sie waren (und sind) treue Begleiter meines Lebens als Leser und wissbegieriger Zeitgenosse. Wie oft haben sie davon erzählt, wie und auf welche Weise große Frauen und Männer die Welt sahen, erklärten und veränderten. Schade, dass sie von uns gehen …

»Bei Wikipedia bin ich extrem vorsichtig« – Uwe Naumann, Herausgeber der rowohlt monographien im Gespräch mit Klaus Pokatzky, Deutschlandfunk Kultur.

Link: Alle derzeit noch lieferbaren rowohlt monographien (Verlagsseite Stand: Oktober 2017).