Unendlicher Spaß – Zweiter Durchgang

Ein Ereignis. Ein Jahrhundertroman. Eine Abrechnung. Ein opus magnus, todtraurig und saukomisch. „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace ist eines jener Bücher, die ihre Leser in Haft nehmen und fesseln. Es ist anstrengend und einfach zugleich. Für mich zählt es zum Besten, was ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.

Lachen und weinen – Wie man „Unendlicher Spaß“ meistert (Notizen nach einem zweiten Lektüredurchgang)

Da liegt es: wie ein gedruckter Vorwurf, ein weißer Ziegelstein, eine Herausforderung. Es ist mehr als 1500 Seiten dick, ein Roman mit Anmerkungen, 388 an der Zahl, manche davon 20 Seiten lang. Es ist ein komplexes Buch, das habe ich aus vielen Rezensionen gelernt, der große Wurf des Schriftstellers David Foster Wallace, sein opus magnum. Es liegt vor mir auf dem Tisch. Ich wage kaum es aufzuschlagen, um seinen Zauber zu brechen, Verzweiflung nagt. Will ich, muss ich das wirklich lesen?

Auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn schmökern, keine Chance, das Buch wiegt mehr als 1 kg; da könnte ich ja gleich eine Bleiplatte in meinen Rucksack stopfen. Im Bett lesen? Nur wenn es platt auf der Decke liegt, ansonsten ermüdet die schwer tragende Hand wie beim Hanteltraining. Genauso in der Badewanne. 20 bis 30 Seiten am Stück schaffe ich, bequem im Sessel, doch dann überschlage ich was noch kommt, 900 oder 700 oder 400 Seiten. Querlesen ist unmöglich; den letzten Satz (oder Absatz) zuerst zu lesen, ist auch nicht wirklich enthüllend.

Unendlicher SpaßDavid Foster Wallace: Unendlicher Spaß
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
Gebunden, 1552 Seiten.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009
Mehr Informationen auf der Webseite des Verlages

Kritiker, weitaus disziplinierter als ich, berichten mir, worum es geht. Sie versichern, es sei ein Meisterwerk, nichts weniger als die Offenbarung vom Ende des (amerikanischen) Jahrtausends. Geschrieben in einer Sprache, die wie ein sich endlos brechendes Echo von Thomas Pynchon klingt, angereichert mit Bemerkungen eines Neunmalklugen, gespickt mit Abschweifungen und irrsinnigen Assoziationsketten. Themen sind (unter anderem) Drogen, rezeptpflichtige Arzneimittel, Tennis, die Anonymen Alkoholoker, Psychosen, ein Film, der süchtig macht und lebensbedrohend ist, TV-Unterhaltung ganz allgemein und Terroristen in Rollstühlen. Es spielt in einer nahen (sehr nahen) Zukunft, Schauplatz ist die „Organisation der Nordamerikanischen Nationen“ (O.N.A.N., – tah-dah!), wo ganze Bundesstaaten in atom- und giftverseuchte Mülldeponien umgewandelt werden und von der korrupten Regierung selbst die Kalenderjahre an zahlungswillige Sponsoren verscherbelt werden (was zu Zeitangaben wie „Das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ führt). Kritiker, die dieses Buch loben, haben, so sagen sie, auch viele andere wichtige Bücher gelesen wie: Eine kurze Geschichte der Zeit, Das Foucaultsche Pendel, Gödel Escher Bach, Der Schwarm, Die Firma, Das Haus am See (!!??) usw. Ehrfurchtsvoll salutiere ich diesen Gelehrten, ich zögere, bin gewillt, mit der Rechten die Weiße Flagge zu schwenken und gleichzeitig mit der Linken das Buch aufzuschlagen. Ja, ich werde es lesen ……

…… Aufgetaucht nach einigen Tagen (Wochen). Gar nicht so schlimm! Ich bin nicht stecken geblieben in Sätzen, die sich über ganze Seiten hinziehen, ich habe (fast) alles verstandenm, manchmal auch (fast) gar nichts (ob da Fachwörterbücher aus x+1 verschiedenen Disziplinen helfen, weiss ich nicht), ich habe gelacht und geweint, habe mitgelitten und mitgefiebert, mit Hal Incandenza, dem Tennis-Wunderkind, und mit Don Gately, dem Ex-Junkie und Betreuer in der Entzugseinrichtung und all den anderen Figuren mit ihren zerrütteten Existenzen. Egal ob lethargisch oder hyperaktiv, sensibel oder grob wie Klötze, in diesem Roman sind alle Menschen (ungeachtet ihrer Stellung) irgendwie einsam, gescheitert, verloren. Wallace liefert die ungeschminkte Darstellung einer Gesellschaft im Untergang, mit wenig Raum für Hoffnungen und keiner Chance auf Besserung. (Bei all dem bleibt Wallace Philantrop, niemals könnte er sein Figuren verraten, er bleibt ihnen nahe, liebt sie alle in ihrer Schwäche und Verletzlichkeit.)

Diese niederschmetternden Erkenntnisse verpackt er in Ironie, Sarkasmus und tiefschwarzem Humor, in schwindelig machende Wortkaskaden, einer Sintflut skurriler Ideen, absurder Situationskomik und alberner Details. Eine bitterböse und alberne Sitcom vor bedrohlicher Kulisse, jede Szene hat ihre entsprechende sprachliche Färbung, ihren passenden Tonfall. Eine Abrechnung, ein Menetekel, ein (nochmal sei es betont) literarisches Meisterwerk, saukomisch und deprimierend, gespickt mit Anspielungen, Zitaten und Verweisen. Dabei so elegant und stilsicher geschrieben, daß selbst in komplexesten Satzschachteln der Faden nicht verloren geht. Das Wissen um die tragische Lebens- und Krankengeschichte des Autors, seiner Verzweiflung und seinem selbst gewählten Tod im September 2008, legt eine weitere Folie über den Text. Den Roman geniessen und durchleiden können wir (die uns das englischsprachige Original überfordert) dank Ulrich Blumenbach. Sechs Jahre lange hat er mit diesem Textungetüm gerungen. Seine Übersetzung ist kongenial. Vielen Dank, Herr Blumenbach, Sie haben David Foster Wallace eine deutsche Stimme gegeben und alle Preise, die Sie dafür erhalten haben, voll und ganz verdient.

„Unendlicher Spaß“: unbedingt lesen. Und unbedingt gleich nochmal lesen, wenn man am Ende angelangt ist. Im zweiten Durchgang ist vieles leichter, vieles verständlicher und … vieles noch lustiger, als im ersten. Und selbst für eine dritte, vierte, fünfte Lektüre bleibt noch genug übrig zum Entdecken und Entschlüsseln.

P.S.: Zum Erscheinen der deutschen Ausgabe hat der Verlag Kiepenheuer und Witsch hat, nach amerikanischem Vorbild, einen 100-tägigen öffentlichen Lesezirkel initiert. Selbst, wenn man den verpasst hat, lohnt sich (nachträglich) ein Blick hinein.

P.P.S: Nur so zum Spaß: der originale Klappentext vom Verlag (eine (weitere) mögliche Art, den Roman zusammenzufassen):

„Unendlicher Spaß“ – so nannte James Incandenza seinen Film, der Menschen, die ihn anschauen, so verhext, dass sie sich nicht mehr von ihm lösen können und dabei verdursten und verhungern. Sein Sohn Hal, ein Tenniswunderkind mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten, studiert an der Enfield Tennis Academy (ETA), die von seinem Vater gegründet wurde. Hier sowie im nahe gelegenen Ennet-House, einem Entziehungsheim für Drogenabhängige, spielt ein Teil der überbordenden Handlung, die jeden literarischen Kosmos sprengt – in einem leicht in die Zukunft versetzten Amerika, das mit Kanada und Mexiko die „Organisation der nordamerikanischen Nationen“ bildet und von radikalen Separatisten in Kanada bekämpft wird.

P.P.P.S: Für tiefergehende Recherchetouren ist das englischsprachige Infinite-Jest-Wiki ein solides Basiscamp.