merk=würdig (xiii) – Eine Ode an den Herbst von John Keats

Herbstanfang. Die Luft wird schwer und feucht und die Blätter färben sich. Die Früchte werden eingefahren und die Natur bäumt sich ein letztes mal auf, um dann gold-leuchtend in den Wintertod zu schreiten. Am 23. September 1819 teilte der 24-jährige John Keats seinem Freund Charles Brown mit, die Lyrik zugunsten einer Karriere als Journalist aufzugeben. Nur vier Tage vorher hatte er die Ode To Autumn verfasst.

To Autumn (An die Herbstzeit) zählt zu den populärsten Gedichten der englischen Romantik. Vielen gilt es als geradezu makellos in Aufbau, Gefüge, Klang und Rhythmus.

John Keats
Porträt von John Keats. (William Hilton. National Portrait Gallery, London)

To Autumn

Season of mists and mellow fruitfulness
Close bosom-friend of the maturing sun
Conspiring with him how to load and bless
With fruit the vines that round the thatch-eves run;
To bend with apples the moss’d cottage-trees,
And fill all fruit with ripeness to the core;
To swell the gourd, and plump the hazel shells
With a sweet kernel; to set budding more,
And still more, later flowers for the bees,
Until they think warm days will never cease,
For Summer has o’er-brimm’d their clammy cells.

Who hath not seen thee oft amid thy store?
Sometimes whoever seeks abroad may find
Thee sitting careless on a granary floor,
Thy hair soft-lifted by the winnowing wind;
Or on a half-reap’d furrow sound asleep,
Drows’d with the fume of poppies, while thy hook
Spares the next swath and all its twined flowers:
And sometimes like a gleaner thou dost keep
Steady thy laden head across a brook;
Or by a cider-press, with patient look,
Thou watchest the last oozings hours by hours.

Where are the songs of Spring? Ay, where are they?
Think not of them, thou hast thy music too,–
While barred clouds bloom the soft-dying day,
And touch the stubble-plains with rosy hue;
Then in a wailful choir the small gnats mourn
Among the river sallows, borne aloft
Or sinking as the light wind lives or dies;
And full-grown lambs loud bleat from hilly bourn;
Hedge-crickets sing; and now with treble soft
The red-breast whistles from a garden-croft;
And gathering swallows twitter in the skies.

Erstdruck in: John Keats: Lamia, Isabella, The Eve of St. Agnes,
and Other Poems. London, Taylor and Hessey 1820.

An die Herbstzeit

Du Zeit der Nebel und der reifen Fruchtbarkeit,
Der späten Sonne wie ein Herzensfreund verbunden,
Die, mit der Zeit dazu verschworen, zu segnen alle Reben,
Die ums Strohdach ranken, und sie mit Frucht zu füllen.
Die Bäume, moosbedeckt, mit Äpfeln zu beladen
Und alle Früchte bis zum Kern hinein zu reifen;
Den Kürbis aufzuschwellen, und die süßen Haselkerne
In ihre pralle Schal’ zu treiben; die späte Pracht
Der Blüten für die Bienen anzusetzen,
Die glauben, dass die Sonnentage niemals enden,
Solang der Sommer ihre Waben bis zum Rande füllt.

Wer sah dich nicht in deinem Speicher oft?
Wer draußen suchte, fand dich manchmal dort
Sorglos am Boden des Getreidelagers sitzen,
Dein Haar erhoben von dem sanften Wind;
Oder im Tiefschlaf auf der abgeerntet’ Furche
Vom Hauch des Mohns betäubt, derweil dein Haken
Die nächste Schwade schont, mit den umschlungenen Blumen;
Manchmal, dem ruhigen Ährenleser gleich
Querst du mit schwer beladnem Kopf den Bach,
Und bei der Apfelpresse, mit beruhigtem Blick
Siehst du die letzten Stunden still versickern.

Wo sind des Frühlings Lieder? Ja, wo sind sie?
Denk nicht an diese, hast du doch auch die deinen, –
Wolken wie Federn lassen sanft den Toten-Tag erblühen
Und in Berührung alle Stoppelfelder rosenfarbig scheinen;
In Totenklage tönt sodann der Chor der Mücken
Über dem Flusse auf- und abgetragen in den Weiden
Von leichtem Wind, der immer anschwillt und erstirbt;
Und große Lämmer blöken laut vom Bach am Hang;
Grillengesang ertönt; und nun mit Pfeifen sanft
Ertönt ein Rotkehlchen vom Gartenzaune her;
Und in den Himmeln zwitschern froh vereint die Schwalben.

Aus: John Keats: Gedichte (= Druck der Ernst-Ludwig-Presse. 9).
Übertragen von Gisela Etzel. Leipzig, Insel-Verlag 1910

Keats - To Autumn
Das Manuskript zu Keats »To Autumn«

 

Knapp eineinhalb Jahre, nachdem er dieses Gedicht, das auch das Absterben und Neugeboren werden im Kreislauf der Natur verhandelt, verstarb John Keats im Alter von 25 Jahren.

Auf Lyrikwelt findet sich eine jüngere Übertragung von Mirko Bonné: An den Herbst.

Mehr zu John Keats in der englischsprachigen Wikipedia.

[Die lose Reihe »merk=würdig« widmet sich Büchern und texten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen einen besonderen Platz in meiner Lesebiographie und in der Bibliothek einnehmen. Es sind Werke die würdig sind, bemerkt zu werden.]