8 Kommentare

  1. Chris
    17. Juli 2015 @ 11:03

    Kleine Klarstellung zu meinem verlinkten (vielen Dank!) Artikel: Dieser Wunsch nach mehr hitziger Diskussion richtet sich nicht nur in Richtung Literatur, sondern gilt eher medienübergreifend, und auch nicht nur im künstlerischen Bereich.
    Seit rund 15 Jahren oder gar mehr findet man beispielsweise im Fernsehen kaum noch eine Talkshow, in der auch mal richtig Dampf ist. In der ein Talkgast auch mal sagt: „Ja Himmel, A**** und Zwirn!“. Und passiert dies doch einmal, liest man in den Tagen darauf: „Eklat bei Talkshow! Heinz-Hubert Hupfeldinger rastet aus“ – und das, weil Hupfeldinger mal für 30 Sekunden das Wort an sich gerissen hat und seine (vielleicht unpopuläre) Meinung mal kundgetan hat.
    Und wer redet denn ausschließlich von Streit? Ein bisschen mehr Temperament und Mut zum Anecken wäre schon genug. 😉

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  2. skyaboveoldblueplace
    16. Juli 2015 @ 21:19

    Hm, ich finde, in einer Debatte, einer guten Debatte, kommt man weiter. Hier erscheint es mir so, als drehe man dich ständig im Kreis. Ich kann keine neuen Erkenntnisse, neuen Wege entdecken. Provokation als solche ist ja auf die Dauer auch langweilig. So, wie eine Debatte um der Debatte willen. So what? Schreibt weiter über Literatur, über Texte, schreibt, ob sie Euch gefallen oder nicht und warum das so ist. Darüber kann msn dann streiten, sich neue Perspektiven erarbeiten oder man lässt es eben. Das ist das, was ich zumindest mir von Literaturblogs genauso erhoffe wie vom Feuilleton. Idealerweise unter Offenlegung der angewandten Kriterien. Auf unbedingt unterschiedliche Art und Weise. Wer sich Sara Dingenskirchens Vlogs anschaut hat vielleicht ein Problem. Aber möglicherweise ein ganz anderes. Man kann das auch einfach ignorieren.
    Und DER Literaturbetrieb und DIE Literaturkritik wurden spätestens seit Karl Kraus immer wieder totgesagt. Das ist Quatsch. Tatsächlich ergeben sich einfach immer wieder Vor- und Rückentwicklungen, die man gut oder nicht gut finden kann.
    So, ich springe an dieser Stelle wieder von diesem Karussell und hoffe indtändig, nicht zuviel Harmoniesossenöl ins Getriebe geschmiert zu haben…
    Schöne Grüsse
    Kai

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    • Jochen Kienbaum
      17. Juli 2015 @ 12:13

      Hallo Kai, eine Debatte um der Debatte willen möchte ich auch nicht. Mag sein, dass sich da auch vieles wiederholt und überhaupt nicht neu ist. Ein für mich wichtiges Fazit habe ich dennoch ziehen können: ab und an innehalten und die eigene Funktion und Position im »Getriebe« reflektieren und nachjustieren; das ist vielleicht eine Selbstverständlichkeit, aber, Hand auf’s Herz, wer macht das schon.
      Was den »Untergang der Literaturkritik« betrifft: den gab’s immer, richtig! Nur jedesmal hatte er andere Vorzeichen und Komponenten. Den polternden (und natürlich provozierenden) Vorwurf Sundermeiers, viele betrieben aktuell nur noch »Sternchenempfehlungen« und schrieben im durchökonomisierten Quoten-Wettlauf mit der Konkurrenz »Kritiken für Dummies« halte ich durchaus für berechtigt. Schnellschuß vor Sorgfalt und genauer Sicht auf den Text: ein Prinzip das (zumindest in den klassischen Medien) auffällig ist (aber auch bei Blogs mitunter). lg_jochen

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  3. Thomas Brasch
    16. Juli 2015 @ 17:10

    Lieber Jochen, mich freut zunächst zu lesen, dass Jörg Sundermeier seine Debatte einerseits geniesst und anderseits offenbar auch davon inspiriert wurde, seine Standpunkte selbstkritisch zu hinterfragen und manchen zu korrigieren. (Welchen eigentlich?) Ein Beispiel, dass es sich schon mal lohnt, in solche Diskurse einzusteigen.

    Ein weiteres heisses Thema, das du andeutest, sind ja die angeblichen Kriterien der Literaturkritik, die man zu Grunde legen sollte. Die gibt es zweifellos – es sind nämlich meine. Und ich verstehe auch nicht, warum so viele Leute denken, sie müssten auch noch ihre eignen haben. Und dann gibt es sogar noch welche, die behaupten, es gäbe allgemein gültige. Na, meinetwegen können wir über angeblich objektive Kriterien gerne mal Ping Pong spielen :-).

    Zuletzt stimme ich deiner Intention voll und ganz zu – wäre ja auch kurios, wenn nicht. Dein „Fordern“ verstehe ich als „Herausfordern“ und nicht als grundsätzliches Kalkül des Austausches über Literatur. Ein Buch, über das ich öffentlich resümiere, ist ja schon mal eine Herausforderung per se für mich gewesen (Vorsicht, eines MEINER Kriterien!). Denn es hat mich inspiriert, mich zur Reflexion bewegt und dabei nehme ich dann doch einen recht subjektiven Blickwinkel ein. Das können dann andere wieder als Herausforderung annehmen, wenn sie wollen, egal, ob dankbar oder ablehnend oder auch dankbar ablehnend 😉

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    • Jochen Kienbaum
      16. Juli 2015 @ 17:59

      Nun, Thomas, zunächst hat sich der „notorische Polterer“ Sundermeier vor seiner eigenen Vehemenz erschreckt. In seinem Beitrag zur Schütte-Debatte hat er das bereits etwas gerade gerückt: „Nele liebt Paul, aber Paul liebt Isa“ (https://www.perlentaucher.de/essay/nele-liebt-paul-aber-paul-liebt-isa.html). Obwohl er den auch nicht wirklich gut findet, den Text, sagt er.

      Die Kriterien der Literaturkritik sind nicht nur deine oder meine, sondern es gibt sie schon die allgemeingültigen Maßstäbe, die sich anlegen lassen. Stilistik, Form und Funktion von Texten, Grammatik (ja, auch die gehört dazu) und vieles mehr… Diese Maßstäbe ändern sich mitunter, aber man kann und muss sich auf bestimmte, gemeinsame „Einheiten“ und „Größen“ einigen. Sonst reden und messen alle aneinader vorbei. (BTW: Die meisten Kritiker und Feuilletonisten kennen diese Maßstäbe sehr wohl, sie haben die alle studiert, lassen sie aber nun aus Zeitnot im Werkzeugkasten liegen und pfuschen so vor sich hin. (Weil der „Blöd-Betrieb“, so Sundermeier, das eben will.))

      Ein Ping-Pong-Spiel dazu? Oh, je ich fürchte, dank meiner Schwerfälligkeit beim Formulieren und meiner Slow-Speed-Denke ziehe ich da den kürzeren. 😉

      Es ist schon Herausforderung genug für mich, die von mir selbst (zu) hochgelegte Latte in meinen Blogbeiträgen nicht andauernd nur zu unterlaufen, sondern auch mal drüber zu hüpfen. Aber Aufgeben zählt nicht. Wir bleiben am Ball.

      lg_jochen

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  4. jan
    16. Juli 2015 @ 14:10

    Schließe mich Sundermeier an: Erst lesen, dann quatschen. Inzwischen wird viel zu viel über Bücher geredet und geschrieben und immer weniger ernsthaft und komplett gelesen. Ohne gründliche Lektüre kann man sich zukünftig die Debatten – egal auf welchem Medium – gleich sparen.

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  5. Mara
    16. Juli 2015 @ 13:02

    Lieber Jochen,

    ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen. Was mir bei dieser Diskussion etwas sauer aufstößt, ist die „Forderung“ einer Streitkultur. Die meisten Blogger und Bloggerinnen betreiben ihren Blog immer noch als Hobby und ich finde, dass man jedem zugestehen kann, dieses Hobby so zu betreiben, wie er es möchte. Ich verlange von anderen ja auch nicht, dass sie lieber fünfmal um den See joggen sollten statt wie bisher immer nur dreimal. Wenn ich gerne Bücher empfehle und es beim Lesen bevorzugt kuschelig haben möchte, dann steht mir das doch zu.

    Was ich sagen möchte: wer ist eigentlich dieses ominöse „wir“? Wer sich streiten möchte, der soll das tun. Wer Bücher in Zukunft nur noch mit literaturwissenschaftlicher Brille betrachten möchte, der soll das bitte schön auch tun. Mich nervt es einfach, wenn man – statt einfach zu machen – ständig bei anderen einfordert, wie sie es (besser?) machen sollten.

    Vielleicht klingt das jetzt wieder nach kuscheliger Harmoniesoße, aber ich mag einfach die bunte und vielfältige Literaturblogwelt. Ich brauche keine Kriterien, Regeln oder Forderungen und ich möchte mich eigentlich auch gar nicht so gerne streiten, sondern viel lieber Bücher empfehlen, die ich gerne gelesen habe.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Jochen Kienbaum
      16. Juli 2015 @ 17:25

      Hallo Mara,
      danke für Deine Reaktion auf meinen Beitrag und Deine Anmerkungen. Die Angelegenheit ist vertrackt und mitunter mißverständlich. Niemandem soll irgendetwas „vorgeschrieben“ werden. Die Vielfalt der Blogs ist gut und richtig so wie sie ist. Aber: alle Blogs sind, ob sie nun wollen oder nicht, ein Rädchen im Getriebe des Literaturbetriebes. Egal ob sie sich als Fans, Literatur- und Buchliebhaber, Berichterstatter, als Empfehlungsgeber oder gar als Kritiker sehen. Ihre/seine Position und Funktion in diesem Räderwerk sollte jede/jeder hin und wieder reflektieren und sich verdeutlichen. Im Umkehrschluss heißt das keinesfalls, alles anders machen zu müssen. Es heißt lediglich, sich klar zu machen, was man tut und warum. Und ob es dafür allgemeine Kriterien geben könnte oder nicht.
      Daran hat sich die Diskussion z.B. über Sara Bow und ihre Youtubevideos entzündet. Das Problem war nicht die Existenz, Berechtigung und Machart der Videos, sondern vielmehr die unreflektierte, gedankenlose, ja, auch dumme Haltung der Macherin, die sich in mehreren Äußerungen manifestiert hat.

      Hier kam dann die Harmoniesoße ins Spiel; die meiner Meinung nach, völlig legitime und auch wichtige Aussprache über Haltungen und Positionen von Bloggern, Journalisten und anderen „Mitspielern auf dem Platz“ wurde besänftigt und abgebrochen (nicht von allen, von einigen) mit dem Argument, es dürfe halt jeder machen, was er will. Das ist mir zu einfach. Warum mischen sich die „Besänftiger“, wenn sie denn nicht inhaltlich streiten wollen (oder können), ständig ein und prangern möglicherweise fruchtbaren Austausch als grundsätzlich „fiese und gemein“ an. Das hat Chris von booknerds angeprangert und ich folge ihm dabei selbstbewußt.

      Kurz noch ein Wort zur „literaturwissenschaftlichen Brille“. Literaturkritik ist aktuell und zeitbezogen, sie setzt sich primär mit aktuellen Texten, ihrer Sprache, Bauart, Funktion und Themen auseinander, darf dabei aber ihren Blick in die Vergangenheit nicht völlig verschließen. Literaturwissenschaft ist per se rückblickend und historisch. Aktuelle Literatur läßt sich nur schwer literaturwissenschaftlich untersuchen, weil ein nötiger (Erfahrungs)Abstand fehlt. Wer sich – wie ich – mit Literatur wirklich kritisch auseinandersetzen möchte (wobei Anspruch und Wirklichkeit bei mir noch weit auseinanderliegen), benötigt, um im Bild zu bleiben, die die literaturkritische UND die literaturwissenschaftliche Brille. Wer keine „Literaturkritik“ machen möchte, läßt halt beide Brillen liegen und schaut mit anderen Hilfsmitteln hin, aber sie/er sollte dennoch nachdenken über ihre/seine Werkzeuge und über das, was sie/er macht.
      Und um hier ganz klar zu sein: „Literaturkritik“ ist nicht automatisch und ausschließlich im Elfenbeinturm zu Hause, auch nicht per se elitär und hochnäsig. Sie ist ein genaues Arbeiten am und mit dem Text, ohne Moden, Quoten und äußere Einflüsse, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass es diese Literaturkritik nicht mehr gibt, sondern nur noch eine turbulente Empfehlungskultur und hektische Wettrennen um vermeindliche Spitzentitel , bemängelt Jörg Sundermann. Und er wünscht sich, wie viele andere auch, dass sich das ändert.
      (Ach, wieder soviel Text von mir und noch mehr Verwirrung, fürchte ich. Aber vielleicht auch nicht?!)

      lg_jochen

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