6 Kommentare

  1. Katharina
    2. Februar 2016 @ 21:29

    Lieber Jochen,

    ich stelle nicht in Abrede, dass Ragnar auch ein Opfer seiner Erziehung, in seinem Fall seiner erstickenden, Besitz ergreifenden Mutter, und seiner Zeit ist. In seinem unreflektierten Handeln sehe ich die Gefahr, die zuviel Religion und zu wenig Aufklärung birgt. Vielleicht liegt ein “gender-bias” vor, weil ich mich besser in Hiltu denken und fühlen kann. Aber auch sie ist schuldig, weil sie alles geschehen lässt und sich nicht wehrt, solange sie noch kann. Ihr ist dafür nunmal kein Rüstzeug mitgegeben worden. Die Kenntnis ihrer Herkunft und Erziehung durch die Lektüre von “Frommes Elend” lässt mich wahrscheinlich auch etwas mehr auf Hiltus Seite stehen.
    Schön, dass Sie “Frommes Elend” bestellen wollen. Eine ebenso bereichernde Lektüre mit einem tragischen, aber immer wieder humorvollen Helden! Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und hoffe, vielleicht hier zu lesen, was Sie dazu denken.
    Viele Grüße,
    Katharina

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  2. Katharina
    2. Februar 2016 @ 19:05

    Lieber Herr Kienbaum,
    ich lese schon länger still Ihre tollen Rezensionen, aber nun muss ich auch mal meinen Senf dazugeben. Ich bin eine begeisterte Sillanpää-Leserin. Ich habe den Autor auch durch den wunderbaren Guggolz-Verlag kennen- und schätzen gelernt. Neben “Frommes Elend”, in dem Hiltu auch einen kleinen Auftritt hat -es handelt schließlich vom Leben ihres Vaters Jussi -, kann ich noch mehr “Silja, die Magd”, das allerdings lediglich antiquarisch in einer Übersetzung von ca. 1932 erhältlich ist, wärmstens empfehlen. So und nun bin ich wieder ins Schwärmen geraten und vom Thema abgekommen.
    Ich finde, mit “Hiltu und Ragnar” gerät der Leser gemeinsam mit den Figuren in einen sich immer schneller drehenden Strudel der Ereignisse, die knapp 100 Seiten sind in einem, fast atemlos zu Ende gelesen und danach muss man sich kurz die Augen reiben, um wieder auftauchen zu können. Ich habe bisher keine so atmosphärisch dichte Erzählung gelesen. Mit jedem Wort ist man bei Hiltu und will ihr zurufen, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen soll, und vor allem, dass ihr “Blutsturz” nichts mit dem der Mutter zu tun hat, sondern ganz normal ist. Wie fast bigott damals mit jungen Menschen umgegangen worden ist. Einerseits sollen sie zum Einkommen der Familie beitragen, sehr früh erwachsen und selbstverantwortlich sein, andererseits werden basale Körperfunktionen schamhaft verschwiegen und man flüchtet sich in die Religion. Ich finde, es gibt gewisse Parallelen zu Wendlas Schicksal aus “Frühlings Erwachen”.
    So, nun ist der Kommentar sehr lang geworden. Eigentlich wollte ich mich nur für die gelungene Rezension bedanken, aber man “trifft” so selten Leser, die etwas von Sillanpää gelesen haben, mit denen man seine Begeisterung teilen kann!
    Viele Grüße,
    Katharina

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    • Jochen Kienbaum
      2. Februar 2016 @ 19:32

      Liebe Katharina, es freut mich sehr, wenn Ihnen meine bescheidenen Rezensionen Freude bereiten, danke für Ihr großes Lob. Erst durch Ihren Hinweis habe ich bemerkt, dass bei Guggolz auch Sillanpääs »Frommes Elend« erschienen ist. Das wird sofort bestellt.

      Ja, man leidet mit Hiltu, wenn man die Erzählung liest. Aber auch Ragnar ist ein Produkt seiner Umwelt, Erziehung und anderer Einflüsse, ja, er handelt falsch, aber ebenso unausweichlich. Diese Dopplung der psychologischen und gesellschaftlichen Abhängikeiten macht dieses Buch tatsächlich aufwühlend und erschreckend.

      lg_jochen

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  3. Marina Büttner
    2. Februar 2016 @ 17:55

    Lieber Jochen,
    klasse! Danke für diese Besprechung und deine Sichtweise auf dieses wundersame Buch!
    Für mich war es eine etwas andere, aber nicht minder beeindruckende Lektüre …
    Viele Grüße, Marina

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