Eine Parallelaktion startet – »Meine Zeit mit Ulrich«

Man denke sich einen wohl situierten, gut gebildeten und weltgewandten, jungen Mann. Dann stecke man ihn in eine Lebenskrise. Voilá, Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften. Um sein wahres Lebensziel abzustecken, nimmt Ulrich sich eine Auszeit von einem Jahr, er will seine Fundament finden, seine Aufgabe in einer Gesellschaft und Zeit, in der selbst Rennpferde und Boxer »Genialität entwickeln«. Dieser Mann auf der Suche nach sich selbst stolpert in die Parallelaktion, eine vaterländiche, k.u.k.-Aktion zur Ehrenrettung der österreichischen Monarchie, geplant und ausgeführt von ehrenwertesten Stützen der Kultur und Wirtschaft, des Militärs und der Verwaltung. An seinen Aufgaben für die Aktion scheitert Ulrich furios und entwickelt mit der vergessenen und plötzlich wiedergefundenen Schwester Agathe Welt- und Lebensentwürfe der Liebe. Dann bricht Der Mann ohne Eigenschaften ab. Das Mammutwerk blieb Fragment. Über dem nie endenwollenden Flechten und Entflechten möglicher Handlungsfäden und dem unermüdlichen Entwerfen und Verwerfen möglicher Romanenden bricht der Autor über seinem Manuskript förmlich zusammen. Robert Musil stirbt verarmt und vergessen am 15. April 1942 in Genf, also vor 75 Jahren.

Es ist viel Ärger und Ohnmacht dabei, viel Erbitterung und viel Wiederholung … und es ist schließlich doch meine Schuld, wenn ich mit den Menschen nicht zu meiner Zufriedenheit fertig werde, oder wenn ich dieses Lebens überdrüssig werde, obgleich ich seiner doch immerhin froh sein sollte.
_ROBERT MUSIL

Der Mann ohne Eigenschaften

Unlesbar? – Ein Selbstversuch

Der Mann ohne Eigenschaften zählt zu den hochgradig ungelesenen Hauptwerken der Weltliteratur. Warum eigentlich? Im Selbstversuch will ich Klartheit gewinnen und starte deshalb heute an Musils 75. Todestag Meine Zeit mit »Ulrich. Meine Erkenntnisse während der Lektüre werde ich teilen. Es handelt sich nicht um eine Leseklausur, sondern um den Versuch einer Parallelaktion. Musil wird parallel gelesen, der MoE (dieses Standardkürzel bitte merken) soll andere Bücher begleiten und sie nicht verdrängen.

Robert Musil
Robert Musil (1880 – 1942)

Neben der puren Neugier aufs Werk, gibt es einen zweiten Anlass für dieses Experiment. Das ist die neue, auf 12 Bände geplante und von Walter Fanta herausgegebene Ausgabe der Werke Robert Musils im Salzburger Verlag Jung & Jung. Allein sechs ihrer Bände sind dem MoE vorbehalten. Auch diese Ausgabe kommt gewissermaßen als Parallelaktion daher, sie erscheint hybrid, also gleichzeitig gedruckt und online. Neben den lesefreundlich gestalteten, handlichen Druckbänden wird das Werk, nebst Faksimiles der Erstausgaben und Handschriften, zusätzlich auf einer Webseite zu lesen und zu erforschen sein. Mittelfristig ist geplant, das Portal Musil-Online interaktiv zu gestalten und mit Hilfe von Forschern und Lesern zu einem großen Musil-Wiki auszubauen. Vorteil: der wissenschaftliche Ballast der Erläuterungen, Anmerkungen und editorischen Ausführungen wandert ins Netz, die Bücher liefern leserorientiert den »reinen Text«.

Fünfzehn Seiten pro Tag

Die Bände 1 bis 3 sind erschienen, sie liefern den Teil des MoE, den Musil selbst zur Veröffentlichung freigegeben hat. Die drei Bände haben einen Umfang von ca. 1.700 Seiten. Bei einem täglichen Lesepensum von etwa 15 Seiten, wird mich der Roman erst einmal bis Mitte August beschäftigen. Richtig interessant wird es mit den Bänden 4 bis 6, die ab Herbst 2017 bis Herbst 2018 erscheinen sollen. Hier muss Herausgeber Fanta, beweisen, ob er eine befriedigende Lösung für das knifflige Problem des unvollendeten Teiles des Romans gefunden hat. Das wurde mehrfach schon versucht, 1943 von der Witwe Martha Musil, 1952 und 1978 von Adolf Frisé und zuletzt 2007 mit der »Klagenfurter Ausgabe«. Die lag allerdings nur in Form einer DVD vor, so materialreich und clever editiert sie war, blieb sie der »normal-lesenden Öffentlichkeit« damals eher verborgen. Heute ist sie schlicht unbrauchbar, weil die zugrunde liegende Software veraltet ist und auf aktuellen Computersystem nicht mehr funktioniert. Neben Walter Fanta gehörten Klaus Amann und Karl Corino zum Herausgeberteam der DVD. Die neue, hybride Ausgabe bei Jung & Jung verantwortet Fanta nun allein. (Zur Editionsgeschichte des MoE später ein eigener Artikel, denn die Geschichte von Musils Roman ist selbst eine unglaubliche Geschichte.)

Musils Geheimnis

Hatte Robert Musil einen Plan für Der Mann ohne Eigenschaften? Oder steckte das tückische Gen der Unvollendbarkeit von Anfang an im Roman? Schlüssige Antworten kann einzig der Nachlass liefern. Insgesamt 12.000 eng bekritzelte Seiten sind erhalten. Passt sich Ulrich am Ende an, zieht er sich zurück oder geht er in den Widerstand zur »konservativ-kakanischen« Gesellschaft? Dazu sagt Walter Fanta im Interview mit dem Standard:

Musil hat alle drei Lösungen nicht nur erwogen, sondern in seinen Plänen für das Finale des Mann ohne Eigenschaften auch zu Ende gedacht und sich Kapitelentwürfe dazu ausgedacht. Es ist deswegen so wichtig, den Nachlass noch einmal neu zu edieren und so an die Leserinnen und Leser zu bringen, damit sie, die Leser, mitbestimmen können, welche Entscheidung Ulrichs die richtige ist.
_WALTER FANTA 

Als Martha Musil 1943 in Kleinstauflage eine Fortsetzung des Romans mit Kapiteln veröffentlichte, die Musil bereits in Druck gegeben, dann aber zurückzogen hatte, um sie als Druckfahnen weiter zu bearbeiten und zu ergänzen, war der Autor längst weitestgehend vergessen. In Deutschland wurde Musil als verbotener Autor nicht publiziert. In Österreich galt er nicht nur den dumpfen »Heim-ins-Reich«-Rufern« vom Wiener Heldenplatz als Vaterlandsverräter. Die Veröffentlichung der ersten zwei Bände 1930 und 1932 lag lange zurück, sie konnten ihrerzeit überschwengliches Lob der Kritik einheimsen, Musil wurde auf einen Sockel gestellt mit James Joyce, mit Thomas Mann und Marcel Proust, aber, und das brachte Musil an den Rand der Verzweiflung, Der Mann ohne Eigenschaften verkaufte sich hundsmiserabel. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Name Robert Musil von der weltliterarischen Landkarte ausradiert.

Man muss die Öffentlichkeit aufrufen und sie ermahnen, dass sie sich nicht durch Teilnahmslosigkeit schuldig mache an der Verkümmerung eines dichterischen Unternehmens, dessen Außerordentlichkeit, dessen einschneidende Bedeutung für die Entwicklung, Erhöhung, Vergeistigung des deutschen Romans außer Zweifel steht.
_THOMAS MANN

Erst in den 50er Jahren konnte Adolf Frisé eine Wiederentdeckung des Autors anschieben. Ab den 70er Jahren repräsentierten Frisés Ausgaben im Rowohlt Verlag die gültigen Buchausgaben von Robert Musils Werken und Tagebüchern. Doch seine Version des MoE mit einem überfrachteten und trotz aller Bemühungen wenig übersichtlichen Nachlassteil förderte eher die Fama vom Buch, das niemand zu Ende liest.

Das Basislager – »Meine Zeit mit Ulrich« startet
Suchen und Wiederentdecken

Das Aufspüren eines möglichen Endes, das Aufnehmen der vielen losen Fäden, ist zunächst noch Zukunftsmusik. Erstmal gilt es zu lesen, was Musil selbst freigegeben hat, was verläßlich fest steht, in einer Textausgabe, die alle tradierten Fehler älterer Musileditionen endgültig (?) bereinigt.

Der Mann ohne Eigenschaften stellt unbestritten einen markanten Gipfel der Literatur dar und Meine Zeit mit Ulrich ist nicht der erste Angriff auf ihn. Allerdings lagern die Eindrücke einer früheren Lektüre des Romanes, im Rahmen eines zweisemestrigen Hauptseminars, recht tief verschüttet im Gedächtnis. Auf gut deutsch: ich habe nahezu alles vergessen. Was in Erinnerung blieb, ist der geschliffene Stil Musils, seine unvergleichliche Ironie und sein feine Gespür, die politische und gesellschaftliche Stimmungslage zu Beginn des 20. Jahrhunderts, jener nachmetaphxsischen Epoche, einzufangen. Der versierte Musil-Biograph und Musil-Experte Karl Corino beschrieb es so:

Die zentrale Idee seines Werks, nämlich die von Genauigkeit und Seele, hat in unserer Zeit, da luftiges Fabulieren und die Logik der Forschung einander immer fremder gegenüberstehen, an Gültigkeit nichts verloren.
_KARL CORINO

Ich bin gespannt, ob sich im Rahmen meines Selbstversuches die Behauptung Corinos bewahrheitet. Ich bin gespannt, wie der Text heute auf mich wirkt, welche Figuren meine Emotionen wecken, welche Konstellationen mich fesseln und welche Gedanken Musils auch heute noch relevant sind.

Hier die wichtigsten Infos zum Leseprojekt in Form eines kleinen (Amateur)-Videos:

Das Webportal Musil Online
Musils Werke (Verlag Jung und Jung)

Bildnachweis: Graffito von Jef Aerosol am Robert-Musil-Haus in Klagenfurt | Foto von Neithan90 |CC0| via Wikimedia Commons