Wer hat Angst vor »Ulysses«? – Eine Beschwichtigung zum Bloomsday 2017

Der Ulysses von James Joyce thront auf einem Sockel und flößt vielen, die zu ihm aufblicken, gehörige Angst ein, leider! Sie verzagen, weil sie den Roman für eine literarische Prüfung oder Herausforderung halten. Alles falsch. Ulysses ist, wie jeder Roman, zunächst nichts anderes als ein spannendes Leseabenteuer. Und weil jedes Abenteuer immer mit einem ersten Schritt beginnt, gilt:

Nicht bange machen lassen. Einfach lesen … mehr nicht! In diesem Satz steckt alles Wesentliche. Der Artikel ist damit an seinem Ende angelangt. Punkt.

Keine Angst vor »Ulysses« - James Joyce
»Keine Angst! – Der will nur spielen.«

Zugegeben, ganz so einfach ist es leider doch nicht. Denn weil der Ulysses als Gegenstand ungezählter Untersuchungen, die, mal geistig hochfliegend, mal verschroben abseitig, den Erkenntnishorizont rund um den Roman gewaltig aufgeblasen und geweitet haben, im Meer des Sekundären zu versinken droht, trägt selbst der unbedarfteste Leser dem Text gehörigen Respekt entgegen.

Der Anfänger aber sollte diesen geisteswissenschaftlichen Ballast mutig zur Seite schieben und das Buch vom Sockel zu sich herunterholen. Ulysses ist Odysseus. Der Titel ist sehr wörtlich zu nehmen: dieser Roman ist eine Odyssee, der Aufbruch zu einer Reise in unbekannte Gewässer mit zunächst unbekanntem Ziel. Sich zu verirren, an Klippen hängen zu bleiben, mehr Zeit zu benötigen als ursprünglich geplant, gehört folglich dazu. Es klingt platt, aber es ist so: der Weg ist hier das Ziel. Der Leser ist aufgefordert, seinem Instinkt zu folgen, er muss und kann nur das einbringen, was man im Moment des Lesens an Bord hat.

Segel setzen und in See stechen!

Die Handlung ist schnell umrissen. Drei Hauptfiguren werden am 16. Juni 1904 und in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages durch Dublin begleitet: der ambitionierte angehende Dichter Stephen Dedalus, der Annoncenacquisiteur Leopold Bloom und dessen Frau Molly. Die beiden Männer streifen, zunächst auf getrennten Wegen, später gemeinsam, durch Dublin, während Molly sich zu Hause auf den Besuch ihres Liebhabers vorbereitet.

Es passiert recht wenig im Ulysses und doch passiert ungeheuerlich viel. Dieser Roman ist ein Roman des Alltags, der banalen Nebensächlichkeiten, des Gewöhnlichen. Die drei Haupt- und die zig Nebenfiguren erleben in ihrem Tagesablauf nichts Erhebendes und Erhabenes, es sind Menschen wie du und ich im alltäglichen Trott. Joyce hat hohen Wert auf topografische, biografische und historische Genauigkeit gelegt. Alle Straßen, Plätze, Geschäfte, Kneipen, Kirchen und Einrichtungen sind authentisch, alle Wegstrecken in Länge und Zeit exakt. Würde Dublin plötzlich zerstört, heißt es, könne man es mit Hilfe des Ulysses in der Version von 1904 wieder aufbauen. (Das ist nur eine der vielen apodiktischen Behauptungen zum Buch, denen aber allen nicht 100%-ig Glauben geschenkt werden sollte.)

Keine Angst vor »Ulysses«
Eine Irrfahrt mit unbekannten Zielen. Abenteuer sind garantiert.

Die Fülle der Details ist das größte Problem bei der Lektüre des Buches: Das Lesetempo bremst automatisch, selbst bei noch so schwungvollem Start. Welche der vielen belanglosen Einzelheiten ist wichtig? Welche Figur, welche Situation verdient mehr Aufmerksamkeit? Das muss der Leser entscheiden, einziger Maßstab dabei ist sein Gefühl, denn Joyce (bzw. die von ihm im Roman installierten Erzählinstanz) hilft nicht mit Erklärungen und Anweisungen, er überläßt den Leser seinem eigenen Gespür, nötigt ihn, die Blickrichtung und den Kurs der Aufmerksamkeit selbst zu bestimmen.

Joyce überzieht die (im wahrsten Sinne des Wortes) triviale Handlung mit einem komplexen Netz aus Bezügen, Verweisen und Strukturen. Für seinen Freund Stuart Gilbert hat er die in einer tabellarischen Lektürehilfe festgehalten. Technisch und trocken konstruiert ist der Ulysses deswegen keineswegs, auch wenn das Schema dies nahezulegen scheint. Ich wiederhole gerne: sklavisch von anderen angelegten Pfaden zu folgen, ist die falsche Methode. Auch das Schema kann hier und da gerne über Bord geworfen werden.

Ulysses glänzt mit großartigem Humor und fesselnder Sprachmagie. Sie werden mitunter vom geistig-kulturellen Ballast, den der eingeschüchterte Leser (vor allem, wenn er sich krampfhaft ans Gilbert-Schema klammert) mitschleppt, verschüttet, aber wer unvoreingenommen, geduldig und aufmerksam liest, dabei niemals alles sklavisch glaubt und befolgt, was andere, Joyce eingeschlossen, über den Ulysses sagen wird viel Spaß haben.

Offene Augen und offene Ohren braucht es, mehr nicht. Die eigentliche und unglaubliche Meisterschaft des Romans liegt in Aufbau und Sprache. Jeder der 18 Episoden ist genau einer Stunde des Tages zugeordnet, jede Episode folgt einem Kapitel der Homerschen Odyssee, konterkariert, parodiert oder spiegelt die heroische Welt der antiken Sage im profanen, mitunter spießigen und proletarischen Dublin des fin de siècle. Nicht ein Erzähler ist am Werk, sondern in jeder Episode des Ulysses ist eine eigene Erzählinstanz am Werk und operiert mit unterschiedlichen Formen und Gattungen der Literatur. Beim Besuch Blooms in der Zeitungsredaktion zum Beispiel bilden die Zwischenüberschriften eine Stil- und Kulturgeschichte der Zeitungsschlagzeilen nach. Eine Episode ist ein Katechismus, die andere eine Erzählung alten Stils, mal gibt sich der Text dialektisch, mal subjektiv monologisch. Eine Episode ist gar ein Drama, eine Phantasmagorie in Dialogform.

Ein ketzerisch klingender, aber ernst gemeinter Rat: der beste Einstieg in Ulysses ist Kapitel vier, in dem die Handlung um Leopold Bloom beginnt. Die Episoden eins bis drei empfindet jeder Leser als sperrig, der nicht mit Stephen Dedalus aus Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, Joyce’ erstem Roman, vertraut ist. Speziell Kapitel drei, ein eigentlich bewundernswert komplexer, innerer Monolog Stephens während eines Strandspaziergangs, treibt die Abbrecherquote rapide in die Höhe. Wer gleich bei vier beginnt, hat die erste Klippe (vorerst) umschifft.

Absätze, ja ganze Kapitel zu überspringen ist bei der Lektüre des Ulysses nachdrücklich erlaubt. Spätestens beim zweiten Lesen des Buches kann das Versäumte nachgeholt werden. Denn nichts ist sicherer als das: anders als der klassische Odysseus, der seine Irrfahrt mit Hilfe einer mächtigen Götterlobby nur einmal absolvieren musste, sollten Leserinnen und Leser des Ulysses die abenteuerliche Reise mehrfach antreten. Denn bei jedem Durchgang enthüllen sich neue Details, lassen sich weitere Rätsel lösen, finden sich frische Spuren und können weitere weiße Flecken auf der Landkarte mit Informationen gefüllt werden.

Keine Angst vor »Ulysses« - Die Liffey in Dublin
»Ulysses« – Die Abenteuer eines Tag und einer halben Nacht an den Ufern der Liffey

Ulysses ist so gesehen tatsächlich ein Buch des Weltalltags, das mit Neugier, Geduld und gesunder Hartnäckigkeit entschlüsselt werden will, ein Roman, der seine Figuren im Gewöhnlichen leben und agieren läßt, in deren Köpfen aber gleichzeitig die großen Tragödien der Menschheit über die Bühne gehen.

Gültig bleibt also: Einfach lesen! – Nicht bange machen lassen. Und akzeptieren, dass der Ulysses ein Rätsel bleibt, das niemals vollständig zu lösen ist. That’s all, folks!

Original oder Übersetzung

Zum Original sei angemerkt, dass selbst Muttersprachler mit dem Englisch von James Joyce ihre Schwierigkeiten haben. Weniger wegen der Wortneuschöpfungen, die dem Schriftsteller nachgesagt wrden und die eher selten sind, sondern mehr wegen eigenwilliger Syntax und Semantik, sowie der reichlich eingebrachten Umgangssprache (im Fall des Ulysses, die der 1900er Jahre). Aber ein (vergleichender) Blick ins Original ist allemal lohnend.

Die gültige deutsche Übertragung ist weiterhin die von Hans Wollschläger aus dem Jahre 1975. (Auch wenn Fritz Senn (niemand weiß mehr über Ulysses) weiter felsenfest behauptet, der Ulysses sei unübersetzbar.) Nicht für alle Probleme hat Wollschläger die richtigen Lösungen gefunden, das wußte er und hat deshalb kurz vor seinem Tod 2007 die dringend notwendige Überarbeitung seines Textes mit vorangetrieben. (Schon allein, weil erst 1984 ein verläßlicher Urtext des Ulysses (s.u.) vorlag, ist die Überarbeitung zwingend.)

Im Oktober erscheint (mit Spannung erwartet) bei Suhrkamp eine revidierte Fassung der Wollschläger-Übersetzung auf Grundlage der sogenannten Gabler-Edition des Ulysses-Korpus. Mehr als ein Jahrzehnt haben wechselnde Teams unter der durchgehenden Federführung von Harald Beck daran gearbeitet.

Ebenfalls bei Suhrkamp liegt der Ulysses. Kommentierte Ausgabe vor. Ein schönes, vor Information und Kenntnis überbordendes Buch, das ich aber keinesfalls zur ersten Lektüre empfehle. Der Anfänger sollte die Odyssee unvorbereitet antreten. Im zweiten oder dritten Durchgang sind zusätzliche Fakten dann nützlich und hilfreich.