Frohburg lesen (1) – Auftakt und Kern

Will man das lesen? Mit einem entschiedenen »Nein!« antworten auf literaturcafe.de Malte Bremer (»Mammuts sind ausgestorben!«) und Wolfgang Tischer (»Inhaltlich hat das Buch nichts zu bieten.«). Ich dagegen sage ja. Ich hauchte bereits ja, als mir Schöffling & Co. auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die bloße Aussicht auf das Buch eröffnete. Guntram Vesper meldet sich nach beinahe siebenjähriger Schreibarbeit endlich wieder zu Wort, mit Frohburg, mit einem Opus Magnum, einem Heimatroman von 1000 Seiten.

Spätestens mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 in der Kategorie Belletristik (hier im Bild) ist Frohburg in die Rotationspressen der Großkritik geraten. Keine Feuilletonredaktion, die auf eine Besprechung (oder zumindest eine lobende Erwähnung und Empfehlung) verzichteten wollte. Nicht nur Gutes wurde gesagt und das Gute nicht immer so liebevoll, ehrlich und ausführlich wie in der FAZ (»Tausend Seiten und nicht eine zu lang!«).

Frohburg lesen

Frohburg lesen – Ein Lektüretagebuch in losen Folgen

Stand der Dinge: 180 von 1008 Seiten

Nun also ich? Nein, keine »klassische Besprechung«. ich werde lediglich in loser Folge kleine Frohburg-Protokolle posten. Notizen während der Lektüre: Beobachtungen, Bewundertes, Unverständliches, Überbordendes vielleicht auch Überforderndes. Zum Auftakt einige Sätze zum Auftakt und einige Gedanken zum Kern.

Der Auftakt

Möbel. Zimmerwände. Tür. Der lange schmale Korridor. Brenners Linoleum. Halbdunkel. Widerhall der Schritte.

Die Steintreppe abwärts. Unten Eingangshalle. Der Quergang. Rechts die Küche, links das Restaurant. (…)

Torweg: Weg ins Leben, auf die Thälmannstraße.

Das dicke Buch beginnt mit kürzesten Absätzen. Details werden schlaglichtarig von Blitzlichtern beleuchtet, leere Räume öffnen sich, wie zu Beginn eines Filmes in kurzen Auf- und Ablenden. Bald weitet sich der Blick. Details gruppieren sich zu einem größeren Bild, das Bild weitet sich zum Überblick. Aus Ständen, werden Schwenks dann Kamerafahrten, Kameraflüge. Ein Set wird aufgebaut. Dann setzt die Tonspur ein, Geräusche und Klänge, auch Gerüche und Aromen werden evoziert. Das alles ist sehr präzise verortet, Hausnummern, Straßennamen, Ortsteile, Nachbardörfer, alles wird penibel benannt. Hier ist einer, der aus der Erinnerung eine Welt nachformt, neue aufbaut, in ihr zu spazieren beginnt, seine Welt. Der Rhythmus des Romans ändert sich, je sicherer der Schritt wird und ausgreifender, der Ton ändert sich auch. Dazu in kommenden Notizen mehr.

Der Kern

Irgendwo im Land gibt es den Ort, die Straße, das Haus, wir haben dort die Kindheit verbracht, wir kommen schwer davon los.

Frohburg ist ein Heimatroman, allerdings keiner im Sinne einer verklärten Rückschau. Die Ortschaft Frohburg, die Guntram Vesper, im Alter von 16 Jahren mit seinen Eltern verließ, dient vielmehr als Nukleus und als Anker einer Biographie im 20. Jahrhundert. Selbst Erinnertes und die Erzählung Dritter (und Vierter) mischen sich, werden geschichtet, gefaltet, verschränkt. Daraus erwächst die Lebenserzählung eines Menschens, eines Landes, einer Zeit, die immer wieder auf das zurückfällt …

…was ich auch jetzt noch mit Frohburg verbinde, der Vaterstadt, der Mutterstadt, sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten, die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.

Das ist Vespers Programm für sein 1008-Seiten-Buch. Der größte Irrtum wäre, den Titel wörtlich zu nehmen, zu denken es gehe hier nur um Frohburg und um Anekdoten aus der Provinz. Die liefert Vesper zwar auch, aber Frohburg ist mehr. Die Ortschaft, die südlich von Leipzig zwischen Braunkohlegruben im Nordwesten und den in die Ebene tastenden Ausläufern des Erzgebirges im Südosten, also quasi in einer Art unbedeutendem Nirgendwo liegt, wird zum Kristallisationspunkt eines mäandernden »Heimat-Lebens-Jahrhundertromans«. Wie das funktioniert und ob das funktioniert, auch dazu später in weiteren Notaten mehr.

Ein Museum, ein Archiv, ein Lebenswerk.
(Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse)

Vesper - FrohburgGuntram Vesper: Frohburg
Roman
Gebunden, 1008 Seiten
Frankfurt/M.: Schöffling & Co. 2016
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Wie sieht es aus? Frohburg lesen oder nicht? Was denken und sagen meine Leser zu Vespers Roman? Kommentieren, bitte, widersprechen, wenn nötig. Ich freue mich auf rege Diskussion über dieses ebenso sperrige wie faszinierende Werk.