Pfaueninsel – Spazieren in einem Roman

Gelegentlich schaffen es Romane den Zauber eines realen Ortes auf einzigartige Weise einzufangen. Pfaueninsel von Thomas Hettche ist so ein Roman. Die magische Aura des langestreckten Eilands in der Havel hat Hettche meisterhaft in Literatur verwandelt, in seiner Geschichte legt er historische Spuren frei, mischt sie mit frei Fabuliertem und schlägt kleine Brücken ins Gegenwärtige.

Pfaueninsel - Das Schloss

Ein Spaziergang auf der Pfaueninsel ist wie ein Sprung in der Zeit. Hier sinken Seele und Gefühl des Flaneurs in die Vergangenheit, ohne die Gegenwart wirklich zu verlassen. Die Insel, von den Gartenbaumeistern Lenné und Fintelmann im 19. Jahrhundert für die preußischen Könige zu einem künstlichen Paradies geformt und gestaltet, ist merkwürdig aus der Zeit gefallen. Ein gezähmter Naturraum, ein Ort der Ruhe am Rand der Großstadt. Auch Pfaueninsel von Thomas Hettche wirkt merkwürdig aus der Zeit gefallen. Seit ich den Roman gelesen habe, liebe ich die Insel mehr denn je. An meinem jüngsten Winterspaziergang möchte ich Euch alle teilnehmen lassen.

Das Schloss in der Abendsonne
 

Das Schloss in der Abendsonne

Hier verbrachte die kleinwüchsige Marie Dorothea Strakon den größten Teil ihres Lebens. Das »Schloßfräulein« verließ die Insel so gut wie nie.

Sichtachsen
 

Sichtachsen

Weite Landschaft, alter Baumbestand, die Blicke des Spaziergängers werden geführt.

Das Kastellanhaus
 

Das Kastellanhaus

Hier wohnte die Familie des Gartenbaumeisters Fintelmann, die auch Marie und ihren Bruder aufnahm.

Das Kastellanhaus
 

Das Kastellanhaus

Der Wintergarten des Hauses diente Gustav Fintelmann als Atelier und Büro. Hier wurden die Pläne zum »Umbau« der Insel geschmiedet.

Die alte Meierei
 

Die alte Meierei

Zier- und Zweckbau in einem. Ein Ausdruck des damaligen Geschmacks. Auch heute noch dient der Hof rudimentär landwirtschaftlichen Zwecken.

Die Namenspatrone
 

Die Namenspatrone

Pfauen leben das gesamte Jahr über frei auf der Insel. Jährlich werden etwa 6 Tiere nachgezüchtet und freigelassen.

Landschaftsgärtner
 

Landschaftsgärtner

Schafe sind die Rasenmäher der Insel. Im Sommer gesellen sich im nördlichen Teil der Insel Wasserbüffel hinzu.

Winterstimmung
 

Winterstimmung

Die mächtigen Bäume der Insel, vor allem ein alter Eichenbestand, recken ihr kahles Geäst in den Himmel.

Das Winterhaus
 

Das Winterhaus

In diesem Gebäude überwinterten einst exotische Vögel. Es ist das einzige verbliebene Gebäude der großen Menagerie, die 1842 aufgelöst wurde. Alle Tiere wurden von der Insel entfernt und bildeten den Grundbestand des Berliner Zoos.

Am Ostufer
 

Am Ostufer

Der nordöstliche Bereich der Insel ist geprägt von kleinen Hügeln, dichtem Gehölz und einigen Wasserläufen.

Der Kunckelstein
 

Der Kunckelstein

Erinnerung an den Chemiker Johann Kunckel von Löwenstern. Auf Geheiß des Großen Kurfürsten betrieb auf der Insel im 18. Jahrhundert ein alchemistisches Geheimlabor. Er fand hier die Mischung für das sagenumwobene Goldrubin-Glas.

Das Kavalierhaus
 

Das Kavalierhaus

Sehnsuchtsarchitektur in Pseudo-Tudor. Bekannt unter anderem aus diversen Edgar-Wallace-Filmen.

Abendstimmung
 

Abendstimmung

Im Winter, wenn nur wenige Besucher auf die Insel kommen, entfaltet die Landschaft einen ganz besonderen Reiz.

Der Geist eines Textes vermag mitunter mit starker Hand in die Realität hinüberzugreifen. Nach der Lektüre von Pfaueninsel ist jeder Besuch eben dieser Insel noch stärker umweht von Gedanken und Überlegungen zur Zurichtung der Natur, Vorstellungen von Schönheit und Vergänglichkeit, zum Verstreichen von Zeit und den Narben, die sie hinterlässt. »Nachdenken über Arkadien« betitelte ich damals meine Besprechung dieses großartigen Romans, der für mich die Überraschung des Jahres 2014 war und mich bis heute fesselt und begeistert. Ich schloss seinerzeit mit folgenden Zitat aus dem Buch:

Diese Insel, die auf Karten einem Fisch gleicht, einem flossenschlagenden, sich wild aufbäumenden Wal, aus welchen Gründen auch immer an gerade dieser Stelle der hier besonders träge mäandernden, sich weitenden und wieder verengenden Havel gestrandet, an der man wohl vergißt, daß jeder Fluß eine Quelle hat und eine Mündung. Als ob die Zeit selbst hier ihre Richtung verlöre, umstrudelt sie die Pfaueninsel, es vermischen Vergangenheit und Zukunft sich hier auf besondere Weise.

So ist es; Bei jedem Besuch auf der Insel aufs Neue. Es soll Berliner geben, die noch niemals dort waren. Ach, wenn sie wüssten, was ihnen entgeht.

Pfaueninsel

Thomas Hettche: Pfaueninsel, Roman. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2014 (Link zur Verlagsseite)